Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 26 (1885)
- Issue
- Heft 7 (26.1.1885)
- Date
- 1885-01-26
- Page
- – (sequence 2)
- Language
- German
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110 keinem Lande der Welt der Antisemitismus in so roher. und erschreckender Weise zum Ausbruch gekommen, wie gerade gegen diese arme, fleißige, genügsame und nüchterne Bevölkerung. Es müssen also die Ursachen der Berfolgungen anderswo zu suchen sein als in Wucher und Ausbeutung von Seiten der Juden. Sagen wir cs doch gleich heraus, die Motive jener betrübenden Erscheinungen liegen in der in der menschlichen Natur ticfbegrüudeten Luft an der Mißhandlung der Schwächeren durch die Stärkeren. Eine andere Trübung des Urtheils des berühmten Philosophen ist die vollständige Verkennung der jüdischen Religion und deren wohlthätigcn Einflusses auf den jüdischen Stamm. Herr von H. hält die guten Eigenschaften der Inders, die er bereitwillig anerkennt, für Eigentümlichkeiten der jüdischen Nace, während sie lediglich ein Product der Erziehung durch unsere heilige Religion sind. Doch davon später ausführlicher. Wir wollen nunmehr Herrn von H. selbst reden lassen und zunächst seine Darlegung des deutschen und des jüdischen Volkscharakters hkerherstellcn, zugleich bemerkend, daß wir auch hierin in vielen Dingen nicht mit ihm übereinftimmen. Herr von H. schreibt: „Der deutsche Volkscharakter ist mit zwei Grundfehlern behaftet: mit einem abstrakten Idealismus, der ihn unpraktisch macht, und als Gegenstück dazu mit einer sinnlichen Genußsucht, die ihn durch llnmäßigkeit unfähig macht, seinen Idealen treu zu bleiben. Weil er seine Ziele zu hoch steckt, zu wenig an ihre Erreichbarkeit denkt und noch weniger gewillt ist, sich für kleine Schritte der Annäherung auf dein praktischen Wege zu plagen oder gar seinen Eigenwillen zu beugen, so erreicht er wenig in der Welt der praktischen Interessen und verpfuscht nutzlos ein Maas; von Kräften, mit dem praktischere Völker das Höchste erreicht hätten; weil er in sinnlichen Genüssen nicht Maaß halten kann, schädigt er die Klarheit des Kopfes, die Sicherheit der Hand und die Ausdauer der Arbeitsfähigkeit und ist beständig in einem partiellen Degenerationsprozeß begriffen, der einen bedeutenden Bruchtheil der sonst für den Kampf ums Dasein verfügbaren nationalen Kraftsnmmen verschlingt. „Obwohl das streitbarste und colonisationsfähigftc aller Völker, ist das deutsche Volke doch nur gleichsam durch eine Reihe von Wundern in Besitz einer politischen Selbstständigkeit geblieben und nur wider Willen und murrend unt.r dem Zwang genialer Führer zu einem staatlichen Zusammenschluß gelangt, aber bei der Vertheilung der Erde 311 Eolonien leer ausgegangen. Obwohl es das bildungsfähigste aller Völker ist, so ist doch die allgemeine Bildung seiner höheren Stände in einem erschreckenden Rückgang begriffen, weil der Bierconsum der stndirenden Jugend weder Zeit noch Nüchternheit mehr läßt, um mehr zu lernen, als die gesteigerten Ansprüche der Berufsbildung erfordern. „Es gibt Eulturvölkcr, welche wegen der Einflüsse eines südlichen Klimas mehr Volkskraft als das deutsche durch Excesse in Teuere einbüßen; es gibt auch solche, die wegen der Einflüsse rauhen Seeklimas noch mehr Verluste durch die Trunksucht erleiden, aber die Einbuße der deutschenVolkskrast durch Excessc in lZaeedtt et Teuere zusammen werden von keinem auf annähercndgleichcrEnlturstufe stehendenVolke erreicht und nur von solchen übertroffen, welche, wie unsere slavischcn Nachbarn im Osten, erst jetzt zur Eultur erwachen und doch schon mit den Lastern der Uebercultur durchseucht sind. Noch immer sind die deutschen Jünglinge in der wahrhaft barbarischen Anschauung befangen, als ob Mäßigkeit ein Zeichen unmännlicher Schwäche, Unmäßigkeit aber ei» würdiger Gegenstand der Nenommage sei; und kein Grund zur Mißachtung der Juden ist roher und gemeiner als der, daß sie keine Neigung zum Saufen haben. Es gibt Deutsche genug, die wenig vertragen und trotzdem nicht im Stande sind, Mäßigkeit zu beobachten; es ist also ganz achtungswerth, wenn die Juden, welche wenig vertragen, daraus einen Anlaß schöpfen, mäßig zu sein. Einen Organismus zu besitzen, der wenig Alkohol verträgt, ist ebensowenig eine Schande, wie es eine Ehre ist, einen Körper zu besitzen, der viel verträgt; imGegeutheil deutet ersteres darauf, daß man von einer Ahnenreihe absiammt, welche den Werth der Nüchternheit zu schätzen wußte, letzteres auf das Gegentheil, so daß die Ehre der Abstammung eher auf der ersten Seite ist. Die Neigung des Deutschen, mit der Nase nach den Sternen gerichtet, seinen Weg zu suchen und dabei unversehens in den Sumpf der Unthätigkcit und Gemeinheit zu fallen, ist ganz besonders der Volkswirthschast nachtheilig, insofern sich derselbe aus der Summe der Privatwirtschaft zusammensetzt; denn die abstrakte Idealität der Ziele schädigt den wirthschaftlichcn Erwerb ebenso, wie die sinnliche Genußsucht die Rücklage von Reserven und damit die Solidität der Wirtschaft beeinträchtigt. Das deutsche Volk ist, znm Theil wohl in Folge der Znrückschraubuug seiner Eultur durch den dreißigjährigen Krieg, wirtschaftlich unreifer als die Franzosen, Engländer und Nordamerikaner, und wird an wirtschaftlicher, wie an politischer Unreife nur durch seine östlichen Nachbarn übertroffen. Alle