Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 26 (1885)
- Issue
- Heft 6 (22.1.1885)
- Date
- 1885-01-22
- Page
- – (sequence 10)
- Language
- German
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98 uim die Thätigkeit, die ihre Frucht iu der Erstehung der neuen sogenannten Secte „Neuisrael" gezeitigt. Delitzsch verlegt also in die Zeit seiner Rückkehr den „Umschwung jseiner religiösen Ueberzengnng." Wir können es wohl verstehen, wenn der ideal angelegte ehrliche und für die Mission aufrichtig begeisterte Delitzsch sich hier als schlechter Menschenkenner bewährt, er theilt dieses Geschick mit den meisten stark ideal angelegten Menschen, denen die Studirftnbe ihre Welt ist; seinem Charakter macht die gute Meinung, die Delitzsch von dem beffarabischen Religionsgründer hat, alle Ehre. Doch, wenn wir in den Missionsschriften Rabbinowitz auch zwischen den Zeilen lesen wollen, und wenn wir auch das kleinlich Scheinende nicht außer Acht lassen, so ergibt sich uns das Resultat, daß von einer religiösen Ueberzengnng hier nicht die Rede sein kann, und daß dieser „Umschwung" sich nicht auf der Rückreise von Palästina vollzogen, sondern daß der Gründer sich in Jerusalem in den Dienst der dort eifrig thätigcn Mission gestellt hat; denn abgesehen von den Schleichwegen, die Rabbinowitz geht, um Bekenner für seine „Secte" zu gewinnen, und von den Kunstgriffen, deren - er sich zur Erreichung seines Zieles bedient, kann doch wohl von einem „langen und langsamen" in ihm gereiften Gedanken nicht die Rede sein, der in diesem Falle allein aus Ueberzeugung entstanden sein könnte, wenn sich ein derartiger „Umschwung" in weniger als innerhalb eines Jahres bei einem Manne vollzieht, der bereits auf ein langes Leben zurückblickt, das bisher in seiner Thätigkeit auf eine Anschauung schließen ließ, die jetzt geradezu vollständig verleugnet wird. Tie hebr. Zeitschrift „Hamelitz," deren Mitarbeiter Rabbinowitz zeitweilig war, stellte den ersten Nachrichten über dessen Missionsthätigkeit vollständigen Unglauben entgegen, sie bczeichnete die betreffenden Gerüchte als eineBerleumdung, welche böse Menschen übcrdeuMaun ausbrachten, der ihr an zwanzig Jahre bekannt sei; als aber die Gerüchte sich bewahrheiteten, da wußte dieses Blatt wie auch das Petersburger „Jüdische Volks-Blatt" für diesen plötzlichen Umschwung keine andere Erklärung als den Einfluß, den der Umgang mit Missionären auf ihn geübt habe; d, h. genauer ausgedrückt: da ein Mann wie Rabbinowitz durch die Reden der Missionäre allein sich wohl nicht umwandeln ließe, so dürfte sich der Einfluß der Missionäre auf den neuen Glaubensgründer vielmehr auf das zurückzuführen fein, was man so oft mit dem Schweigen vergleicht. Die Schriftstücke, in denen R. seine Gedanken niederlegt, sind hebräisch abgesaßt. Das ist der'erste Kniff des Religionsgründers. In Lessarabien wohnt eine große Masse von Inden, die Wohl, weil schon durch die Liturgie ans Hebräische gewöhnt, diese Sprache verstehen, aber doch auf biblisch-talmudischem Gebiete höchst unwissend sind. Solche Ame haarez halten aber jedes Schriftstück, wenn es nur in hebräischer Spache erscheint als 6o ipso heilig, sie glauben das heilige Gewand könne nichts Unheiligcs bergen, und so sichert sich Herr R. vor allem den ersten günstigen Eindruck. Das erste der Schriftstücke besteht aus 13 Thesen (mron r*), die darauf hinanslaufen, daß der Juden Heil nur in der Anerkennung des Stifters der christlichen Religion zu suchen fei. Diese 13 Thesen weisen nun auch äußerlich auf einen Kunstgriff hin; der Jude ist an dreizehn Glaubensartikel gewöhnt, dies soll ihm mm diese 13 Thesen schon unbesehen lieb machen. Das zweite Schriftstück enthält 10 „Glaubensartikel der national-jüdischen Gemeinde neuen Testamentes", welche mehr einer Geschichtserzählung als Glaubensartikeln ähnlich sehen, aber wohl nur um des Schlusses willen diese» Namen fragen, kirn alle einzelnen Artikel sollen als geschichtliche Beweise dafür dienen, daß die Prophezeiungen eines Jesaia n. s. w. in dem Stifter der christlichen Religion ihre Erfüllung gefunden hätten, und daß wir die „Nachkömmlinge Abraham's" durch den Glauben an ihn zu gesegneten Menschen werden. Das dritte Schriftstück, eine „Erläuterung" enthaltend, will den Glauben an den Stifter der christl. Religion den in die „Secte" N's. Eintretenden dadurch mundgerecht machen, daß er sie von Annahme gewisser Dogmen, gegen welche sich die jüdische Anschauung als ihr vollständig ungewohnte und unbegreifliche sträuben würde und Beibehaltung jüdischer Gebote und Einrichtungen empfiehlt, die der jüdischen Anschauung liebgeworden sind. Hier haben wir den Meistergriff, der auf fetten Fang rechnet, indem er Sabbat und Beschneidnng ad libitum den Jüngern der neue Lehre überläßt und die Peßachfcier mit Umkleiduug einer jüdisch-christlichen Form beibehält. Tie jüdisch-christliche Form der Pesachseier ist nun das vierte Schriftstück, das vollständig ein Zeugniß für die Raffinirtheit ihres Erfinders ist. Es ist eine Haggada, die zwischen „Pastor" und „Gemeinde" wechselseitig vorgetragen wird. Die nioiz fehlen nicht, der Mittelpunkt der Feier ist aber der Gedanke der Anerkennung des Christenthnms. Wer weiß, in welchem Ansehen der Sedcr-Abend bei den Juden steht, wie alle Feierlichkeit, Gemüthlichkeit und herzinnige Frömmigkeit sich in dieser häuslichen Feier eoncentrirt, der wird die Wirkung nicht unter-