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Der Israelit · 1885-01-22 · Heft 6 (22.1.1885) · page 9

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Journal
Der Israelit
Volume
26 (1885)
Issue
Heft 6 (22.1.1885)
Date
1885-01-22
Page
– (sequence 9)
Language
German
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XXVI. Jahrgang. Beilage ju Nr. 6 des Israelit. Leitender Artikel. Kitte neue jüdisch-christliche Serie in Kußtand. 8. Angeblich ist es eine neue jüdische Secte, die unter dem Namen „Neuisrael" nach einem Telegramm aus Petersburg jüngstens seitens des Ministeriums des Innern anerkannt wurde. Wir sagen ausdrücklich „angeblich," um von vorne herein dem Gedanken zu begegnen, als hätten wir auch nur einen Augenblick daran geglaubt, oder als wollten wir nur einen Augenblick die Vorstellung beim Leser erwecken, daß wir es hier mit einem Vorgänge zu thuu hätten, der irgendwie Anspruch auf eine auch noch so minimale Bedeutung in der Cultnr- und Reliaionsgeschichte beanspruchen könnte, wie ihn ja eine Sccteubildung ohne Zweifel hat. Wir haben es hier mit nichts Anderm als mit einem Missionsversuch zu thun, welcher sich um bessere Erfolge als die bisherigen Versuche zu erzielen, einer Maske bedient, die vielleicht in Bessarabien von Wirkung sein mag, bei uns aber, die wir weniger naiv sind, nicht altznschwer zu durchschauen ist. Die Bekanntschaft mit Entstehung und Geschichte dieser angeblichen Secte verdanken wir einer im Mai vergangenen Jahres von Franz Delitzsch herausgegebenen Broschüre, die unter dem Namen „Docu- . mente der national-jüdischen Bewegung in Südrnßland" in Erlangen erschienen ist. Diese Doeumente bestehen aus einer Glaubenslehre und einer Liturgie für die Passahfeier, beides von dem Begründer dieser „Secte" in hebräischer Sprache abgefaßt und mit einer deutschen lieber* setzung versehen. In diesem Elaborate — wir werden cs später näher kennen lernen — in welchem Judenthum und Christenthum auf eine gar merkwürdige Weise verquickt sind, begrüßt Delitzsch nun eine Bewegung, welche ihn an die Anfänge des Christenthums erinnert, eine Bewegung, die zu einem massenhafte Austritte aus dem Judenthum und zu einer selbstständigen Gemeindebildung führen könne. Mit einem solchen Ergebniß würden viele Bedenken wegfalle», die bei der Art und Weise des bisherigen Austritts Einzelner, welche sich an diese oder jene christliche Sonderkirche anschließen mußten, wohl berechtigt waren. Delitzsch macht also gar kein Hehl daraus, daß er in dem Vorgänge in Südrußland, in welchem aus Judenthum und Ehristenthum angeblich eine neue Religion gebraut wird, ein allmähliches Ueberleiten zum Ehristenthum sieht, eine Thalsache, die ihn mit Befriedigung erfüllt und auch erfüllen darf, da er ja bekanntlich eines der thätigstcn und hingebendftcn und, setzen wir gleich hinzu, aufrichtigsten Häupter der Judenmission ist. Worin sich Herr Delitzsch aber gewaltig irrt, das ist, daß er bei dem Gründer dieser sogenannten Secte eine ideale Begeisterung voranssctzt, und sein eigener Idealismus und grundehrlicher Charakter ist es wohl, der ihn hindert, die Machinationen zu durchschauen, die hier ein plumper Seclenfang ins Werk setzt. Doch um dies ganz zu verstehen, müssen wir uns den Gründer und seine schriftlichen Elaborate etwas genauer anschen. Wir folgen im Biographischen den Angaben Delitzsch'. Ter Advocat Joseph Rabbinowitz trägt sich „seit lange mit Gedanken über die Verbesserung der Lage und die Hebung der Bildung seines Volkes." Im Jahre l 880 veröffentlichte er. in der von Gottlober heransgcgcbenen Zeitschrift t.n -tprin „einen idealen Plan zu einer durchgreifenden Reorganisation des Rabbinats." Es ist uns dieser von Delitzsch gebrauchte Ausdruck etwas dunkel; cs ist uns nicht klar, ob hier an eine Reorganisation des Rabbiner- Wesens in Bezug auf Vorbildung, Studicngang und Anstellung gedacht ist oder etwa an die staatliche und gemeindliche Stellung der Rabbiner, oder ob hier gar Rabbinat mit Rabbinismus verwechselt ist. Zudem ist nicht mitgethcilt, ob die betreffenden Vorschläge sich auf conscrvativcm oder ncologem Boden bewegen. Doch dies nur in Parenthese. Dann tvirkte er ferner mit „zur Begründung einer Gesellschaft für Beförderung des Ackerbaus unter den Inden Bessarabiens, und in der südrnssischcn Verfolgungszcit des Jahres 1882 trat er eifrig für. die Wiederbcvölkerung des heiligen Landes ein und suchte durch eine Reise nach Palästina sich über Mittel und Wege dazu an Ort und Stelle zu nnterrichten." Nach Rückkehr von dieser Reise beginnt

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