Mannheim
Compact Memory

Der Israelit · 1885-01-19 · Heft 5 (19.1.1885) · page 3

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Der Israelit
Volume
26 (1885)
Issue
Heft 5 (19.1.1885)
Date
1885-01-19
Page
– (sequence 3)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
93% known words query
IRI
…/2446951-2449503-2449509--21516-2511095
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

Gruß des kommenden Frühlings, den ernsten auch, indem er leise mahnt, daß auch der innere Mensch in seiner Entwickelung dem Baume gleicht. Nichts als kahle, traurige Wiutcrlandschaften erblickt unser Auge, tvenn wir uns jetzt der Naturbetrachtung hingebcn. Allein der 15. Schcwat flüstert uns zu: Sehet die entblätterten Bäume, sie feiern heute das Erwachen des heitcrgcschmückten Lenzes, denn unter der starren eisigen Rinde erwacht frisches, warmes Leben. Sie prangten in köstlichem Fruchtschmuck und wurden der Fnichtc beraubt, sie strebten himmelan und die Stürme des Herbstes knickten sie, sic hatten blütheurciche Zweige und weitreichende Aeste und die Wetter des Winters brachen ihnen Zweig nach Zweig, Ast nach Ast. Und dennoch sind sie nicht gebrochen und werdeu in nicht langer Zeit neu erstarken und frisch erblühen, weil ihr Halt nicht äußerer Schmuck, nicht Fruchtschmuck und Krone ist, sondern weil ihre treibende Kraft in den Wurzeln ruht, die im Innern der Erde weithin sich erstrecken und dort unberührt von den äußeren Einflüssen zu neuem, frischem, kräftigem Leben sich verbinden. Und so sott auch die Kraft des Menschen indem eigenen Innern wurzeln. Sein Gemüth sott durch religiösen Glauben geläutert, sein Geist mit wissenschaftlicher Erkenntniß getränkt sein. Im Gemüthe, im Geiste ruhen die Wurzeln, die einst Blüthen edler Menschlichkeit treiben sollen und darum müssen Geist und Gemüth geläutert nud genährt werden durch den befruchtenden Thau göttlicher Lehre. Tenn nur daun vermögen Stürme und Wetter nichts über uns. Viele, sehr Viele gibt cs unter den Menschen, welche die Sorge erdrückt mid beugt, an deren Herzen Kummer und Schmerz nagen. Sie waren einst reich, angesehen; frei und weithin reichend war die Macht ihres Einflusses. Da kamen die Stürme des Lebens und haben die Blüthen ihrer Hoffnungen gcfnicft, den Schmuck ihres Lebens vernichtet und die Macht ihres Vermögens gebrochen. Nichts ist ihnen geblieben als was der Meusch im eigenen Innern trägt. Wehe ihnen, wenn ihnen auch das abgcht, wohl ihnen, wenn die Wurzeln ihres Daseins im gläubigen Gemüthe rnhcn. Mögen die Sturme draußen sic noch so sehr umtosen, aus bcm Innern schöpfen sie Kraft und Mlth zu neuer, frischer Thätigkeit. Urib das ist der Frnhlingsgruh im Winter, das die ernste Mahnung des 15. Schcwat. Die Ael'egirlenkonft'rnj deutscher Schulmänner. U. 23crItii, 14. Januar. Ter kritische Rückblick aus die Verhandlungen der Tclegirtenkouferenz deutscherSchttlmänner, welchen wir beim Beginne des Referats in Aussicht gestellt haben, rcducirt sich, nachdem bereits von einer anderen Feder die einzelnen Punkte und bemerkenswcrthcren Zwischenfälle glossirt worden sind, nur auf einige wenige Bemerkungen. Die Leser des „Israelit" haben durch einen ausführlichen Bericht ein getreues Spiegelbild von den zweitägigen Verhandlungen erhalten und werden daher auf Grund der gewonnenen Eindrücke um so eher in der Lage sei», sich in dieser Sache ein klares Urthcil zu bilden. Die Versammlung endete, wie wir bereits mitgethcilt und wie die gcsch. Leser, welche den Gang der Verhandlungen aufmerksam verfolgt, selbst gesehen haben, hinsichtlich des Zieles, das sie erstrebte, mit einem'glänzenden Fiasko. Die Eonfercnz trat zusammen, um einen „Normalplan für den israelitischen Religionsunterricht in einklassigen Volksschulen" fcstzusctzcn, die Konferenz ging auseinander, ohne diesen Normalplan festgesetzt zu haben: Das ist eine Thatsache, welche nicht wegzuleugnen ist. Dieses negative Resultat gereicht uns gleichwohl zu hoher Befriedigung, denn die „bunte Schüssel", welche die aus den verschiedensten religiösen Richtungen zusammengewürfelten Mitglieder der Versammlung hergcftellt haben würden, wäre wahrlich keine nahrhafte Speise für die jüdische Jugend gewesen. Wenn cs auch keinem Zweifel unterliegt, daß die einklassigen israelitischen Volksschulen, welche zumeist in Süddentschland liegen, in ihrer überwiegenden Mehrheit von streng gcsetzcstrcuen Lehrern geleitet werden, so muß dennoch die Minorität der Schulen, welche einen andern religiösen Standpunkt vertreten, eine Rücksichtnahme auf ihre Priucipien beanspruchen dürfen. Soll aber die Gewissensfreiheit keiner Richtung bedroht werden, dann ist eben die Festsetzung eines Normalplancs für den Unterricht eine Unmöglichkeit. Zu dieser Erkenntniß gelangte denn auch im Laufe der Verhandlungen der Vorsitzende des Deutsch-Israelitischen Gemcindebnndes, Herr Geh. Rath Dr. Kristcller, welcher schließlich seiner Freude über das negative Resultat einen ungeheuchelten Ausdruck gab. Bekanntlich wurde am zweiten Abend die Resolution Cornelius angenommen: „Es ist wünschcnswerth, daß die Normalplanfrage im Anschluß an das dahier gewonnene Material Gegenstand der Berathungen in den Leh-

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.