Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 26 (1885)
- Issue
- Heft 4 (15.1.1885)
- Date
- 1885-01-15
- Page
- – (sequence 19)
- Language
- German
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71 Im November 1784 erhielt ein in Frankfurt a. d. O. wohnender armer Jude, Namens Herz Salomon, von seinem sich in Kopenhagen aufhaltcnden Sohne Jsak einen Brief, der ihn und die Seinen in nicht genüge Aufregung versetzte. Herz Salomon war ein armer Hausirer, der sich, seine Frau, seine acht Kinder und eine alte, gelähmte Schwiegermutter bis vor kurzer Zeit nur kümmerlich hatte ernähren können. Da war eine Wandelung zum Besseren in seinen Verhältnssen eingetreten. Sein ältester Sohn Jsak, der einige Jahre in Hamburg bei einem reichen Glaubensgenossen als Meschores *) gedient, hatte sich das Vertrauen seines Prinzipals erworben, so daß dieser ihm einen Eredit gewährte und ihn in den Stand setzte, in Kopenhagen ein eigenes Geschäft zu etabliren. Jsak, der sich durch Fleiß und Redlichkeit anszeichnete, gewann bald eine große Kundschaft und konnte seiner bedrängten Familie in der Heimath von Zeit zu Zeit eine reichliche Unterstützung zukommen lassen. Die Lage der Armen fing an sich zu verbessern; nicht mehr pochte das schreckliche Gespenst des Hungers an ihre Thüre; selbst die kranke Großmutter erholte sich bei besserer Pflege. Da kam der obenerwähnte Brief, dessen Inhalt den geringen Wohlstand zu vernichten drohte. Jsak meldete den Seinen, daß sein immer besser werdendes Geschäft den Neid seiner Concurrenten erregt, und daß diese ihn bei der Negierung denuneirt hätten. Nach einem damals bestehenden Gesetze durfte kein ausländischer Jude in Kopenhagen ein selbstständiges Geschäft betreiben. Jsak erhielt den Befehl, binnen 24 Stunden die Stadt zu verlassen. Einflußreiche Freunde wirkten ihm die Erlaubnis; aus, noch vier Wochen in Kopenhagen sich aufhalten zu dürfen, um seine Ausstände einkassiren zu können. Wie ein Blitz aus heiterm Himmel schlug diese betrübende Nachricht in das kaum aufblühende Glück der Familie Salomon ein. Jahre des Kummers, des Hungers und des Elends, die sie für immer überwunden geglaubt hatten, standen ihnen wiederum bevor. Herz Salomon war wie zerschlagen, keines Gedankens mächtig; seine Frau und seine Kinder weinten und jammerten. Da rief ihn die Großmutter an ihr Lager.. „Lieber Sohn," sagte sie, „verliere den Muth nicht und vertraue auf Gott. Er ist allmächtig und kann immer helfen. Es ist mir eine Idee gekommen, die mir gewiß Gott eingegeben und die vielleicht geeignet ist, Hilfe zu schaffen. Ich erinnere mich, daß unser Jsak geschrieben, die verwittwete Königin von *) Wörtlich: Diener; dann auch Commis. Dänemark sei eine Tante unseres guten Herzogs Leopold. Gehe zu ihm, stelle ihm unsere Lage vor und bitte ihn um einen Empfehlungsbrief für unser» Jsak. Der Herzog ist so gut, so edel, ein Freund der Armen. Er wird Dir diese Bitte nicht abschlagen." Schon der Gedanke an den guten Prinzen erfüllte die Familie mit freudiger Zuversicht. Herz Salomon zog sofort seine besten Kleider an und begab sich auf's Schloß. Er ließ sich beim Herzoge melden, wurde vorgelassen, und erzählte ihm die Lage der Sache mit aller Rührung, von der er natürlich ergriffen werden mußte, und die dem Herzog die Wahrheit seiner Erzählung verbürgte. Er wagte seine Bitte um das Empfehlungsschreiben, und der gute Herzog war gleich willig mib äußerte sich so gnädig gegen den unglücklichen Mann, daß ihm die Aeußerung noch theurer sein mußte, als die Gewährung seine Bitte. Nur bedauerte der Herzog, daß cs ihm unmöglich sei, noch heute den Brief ausfertigen zu können; er müsse also bis auf den künftigen Posttag aufgeschoben werden. „Durchlaucht," wagte Herz Salomon schüchtern einzuwenden, „wir sind im November; allem Anschein nach gibt es einen strengen Winter. Da wird die Schifffahrt unterbrochen und die Briefe können nicht nach Kopenhagen gelangen. Heute ist Montag; heute Abend geht die Post ab. Der nächste Posttag ist erst Donnerstag, und da könnte es zu spät sein." „Es thut mir leid," antwortete der Herzog; „allein der königliche Dienst geht allen Privatangelegenheiten vor." Nur halb getröstet begab sich Herz Salomo» auf den Heimweg. Der kalte Nordwind blies ihm in's Gesicht und verlieh der Befürchtung, daß die Schifffahrt bald unterbrochen werde, die größte Wahrscheinlichkeit. In der Abenddämmerung wurde an die Thüre des elenden Häuschens gepocht, in welchem Herz Salomon wohnte. Er öffnete, und man stelle sich sein und der Seinen Erstaunen vor, als der Herzog von Braunschweig hereintrat! „Mein lieber Salomon," sagte er, „meine Geschäfte haben nicht so viel Zeit in Anspruch genommen, als ich geglaubt hatte, und da habe ich den Brief an meine Tante geschrieben. Hier ist er. Ihr müßt ihn Eurem Sohne heute noch schicken und ihm schreiben, daß er ihn der Königin selbst übergeben soll." „Wie kann ich," entgcgnete Herz Salomon, „Eurer Durchlaucht für die überaus große Gnade genugsam danken! Allein die Post geht in einer