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Der Israelit · 1885-01-15 · Heft 4 (15.1.1885) · page 18

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Journal
Der Israelit
Volume
26 (1885)
Issue
Heft 4 (15.1.1885)
Date
1885-01-15
Page
– (sequence 18)
Language
German
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70 Wiewohl Nabbi Jecheskel in nicht sehr glänzenden Verhältnissen lebte, wankte er nicht einen Angenj blick in seinem (5'ntschlusse und brachte die verlangte Strafsumme selbst aus das Gericht. — In P r a g, der damals größten und bedeutendsten israelitischen Gemeinde Deutschlands, war der Sitz des Oberrabbiners vacant. Hier hatte Nabbi Jonathan Eibeschütz viele Schüler, Freunde und Anhänger. Deshalb hatte schon das obenerwähnte Gutachten zu Gunsten Nabbi Jonathans die Aufmerksamkeit der Gemeinde-Vorsteher auf Rabbi Jecheskel gelenkt, den man nunmehr als Oberrabbiner berief. In Prag entfaltete der junge Rabbiner eine großartige Thätigkeit. Die hervorragenden Talmudgelehrten, deren es damals in Prag nicht wenige gab, unterschätzten anfangs seine Größe und Bedeutung. Nabbi Meier Fischels, Nabbi Salomon Koref, Rabbi Sarach Eidlitz, Nabbi Michael Bacherach, Rabbi Jecheskcl Glogau, Rabbi Jakob Günzburg, Rabbi Jchudah Lob Ausch und viele Andere waren damals der Stolz und der Ruhm der altehrwürdigen Gemeinde zu Prag. Rabbi Jecheskel Landau überstrahlte sie alle. Aus allen Gegenden zogen die wißbegierigen Jünglinge nach Prag, um zu seinen Füßen zu sitzen und aus dem unerschöpflichen Borne seiner Gelehrsamkeit zu schöpfen. Bon allen Enden der Erde wurden religiöse Anfragen an ihn gerichtet, und seine Responsensammlung, Roda Bijehnda, ist eine der größten Zierden der talmudischen Literatur. Am Ncumondstage des Monats Nissan d. I. werden es 100 Jahre, daß der Vater des Verfassers dieser biographischen Skizze als noch nicht sechzehnjähriger Jüngling nach Prag kam, um sich daselbst dem Talmudstudium zu widmen; ihm verdanken wir eine Schilderung des großen Mannes. Rabbi Jecheskcl Landau war von hoher Statur und überragte die hochgewachsensten Männer um Kopfeslänge. Wenn er am ersten Abend des Neujahrsfestes in schneeweißer Tracht die Altneu-Synagoge verließ, so machte seine Erscheinung einen überwältigenden Eindruck; man glaubte einen den himmlischen Heerschaaren entstiegenen Engel Gottes zu schauen. Tausende von Menschen strömten herbei, um dem geliebten Rabbi ihre Glückwünsche darzubringen, und Jeder, dem es gelang, den Saum seines Gewandes zu erfaßen und zu küssen, schätzte sich glücklich. Der Rabbi aber erhob segnend die Hände und ries: „Külchem lechajim! külchem lechajim!" Rabbi Jecheskel Landau erlebte es noch, daß Kaiser Joseph II. das auf den Juden schwerwuchtende Joch der Beschränkungen und Ausnahmsgesetze um ein Bedeutendes erleichterte. Zu gleicher Zeit machten sichdieFolgen der sog.Mendelssohnschcn Bewegung geltend. Wir brauchen wohl nicht Zusagen, daß der ehrwürdige Oberrabbiner von Prag zu den treuesten Kämpfern für das unverfälschte und unverkürzte Judenthum zählte. Er starb in einem Alter von 73 Jahren, und ganz Israel betrauerte seinen Tod, wie man einst den Tod des Propheten Samuel bettauert hatte. Die israelitische Gemeinde zu Prag konnte sich viele Jahrzehnte hindurch nicht entschließen, einen andern Mann mit dem Amte eines Oberrabbinen zu betrauen; sie übertrug die Verwaltung desRabbinats einem Schüler des Unvergeßlichen, Rabbi Elieser Fleckeles, nach dessen Hinscheiden dem Sohne des großen Mannes, Rabbi Samuel Landau. Bon den übrigen Kindern desselben nennen wir Rabbi Jakowka und Rabbi Jisrael. Ein Sohn des Letztgenannten war M. I. Landau, der Ucbersetzer des Aruch. Herzog Leopold von Araunschweig. Am 27. April d. I. werden es 100 Jahre, daß Leopold, Herzog von Braunschweig und Lüneburg, den erhabensten Heldentod, den Tod im Dienste der rettenden Menschenliebe, in den Wellen der stark angeschwollenen Oder fand. Doch nicht dieses Ereigniß, das Hunderte, unter ihnen der größte deutsche Dichter, das Göthe besungen, wollen wir hier feiern; wir wollen vielmehr ein ganz unbedeutendes Ereignis; an das Licht ziehen, das uns die seltene Herzensgüte und den liebenswürdigen Charakter des edlen Prinzen so recht vor Augen führt. Herzog Leopold, jüngster Sohn des regierenden Herzogs Earl, wurde am 11. October 1752 zu Wolfenbüttel geboren. Männer wie Ebert, Gärtner, Jerusalem, leiteten seine Erziehung; unser hochgefeierter Lessing war der Freund und Berather seiner Jugend. Als der Prinz auf einer Studienreise in Italien sich befand, ernannte ihn sein Oheim, Friedrich II., der große König von Preußen, zum Eommandeur des in Frankfurt a. d. O. in Garnison liegenden Infanterieregiments. 1776 trat er diese Stellung an; 1782 erhielt er den Rang eines General-Majors. Während seines Aufenthaltes in Frankfurt a. d. O. gewann er sich alle Herzen. Er war ein freigebiger Beschützer aller Armen und Bedrängten, dabei ein lebhafter Freund der Wissenschaften und Künste. Durchreisende Gelehrte fanden bei ihm stets ein offenes Haus. Sein Wesen war von einer fast Jederman fesselnden Liebenswürdigkeit; er war der vergötterte Liebling aller Kreise.

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