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Der Israelit · 1885-01-05 · Heft 1 (5.1.1885) · page 7

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Journal
Der Israelit
Volume
26 (1885)
Issue
Heft 1 (5.1.1885)
Date
1885-01-05
Page
– (sequence 7)
Language
German
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7 fammcit, ihr todteubleichcs Gesicht nahm eine bläulich graue Färbung an. „Veit," röchelte sie, „unter den Todten wird ganz gewiß unser Sohn, unser einzig Kind, unser David sei».ich will hin, ich muß hin ich will ihn sehen, bevor sie ihn in die dunkle Grube werfen, ich bin ia seine Mutter, er gehört ja mir an, ich habe ihn ja unter meinem Herzen getragen, in Schmerzen geboren .... Schöneichen ist ja nicht gar so weit von hier, kaum drei Stunden .... ich kann den Weg ganz gut zu Fuß machen, ich bin ja eine rüstige Flau!" Aber die „rüstige Frau," die sich aus dem Lehnstuhle erheben wollte, konnte sich nicht auf den Füßen erhalten, sie sank um und flüsterte: „Einen Tropfen Wasser!" „Auch das noch!" schrie Vlochner vcrzweiflungsvoll auf, er war von dem quälenden Gedanken, der ihn seit wenigen Tagen unaufhörlich verfolgte, so beherrscht, daß derselbe bei jeder Veranlassung in den Vordergrund seiner Seele trat. „Wenn jetzt in dem Augenblicke der Amtsdiencr, der Bote des grausamen Obcramtmanns käme — und sie forttreiben wollte! Lei Gott, die Aufregung könnte sie tödten! .... So bring doch Wasser, Lea!" Der alte Schullehrer, der es bedauerte, die arme Familie so erschreckt zu haben, fand, daß feine Anwesenheit überflüssig sei und schlich bedrückt ans dem Zimmer. Lea riß den braunen Krug von dem altmodischen Schranke und eilte aus dem Zimmer, kurze Zeit darauf stürmte sie mit vnrpurglühenden Wangen, hochwogendcm Busen wieder herein. „Bringst Du Wassers" rief ihr Blochner entgegen. „Ja!" stieß Lea, vor Aufregung schwer athmend, heraus, „aber liebe Mutter! er ist da ... . als ich draußen am Brunnen schöpfte, sah ich ihn ferne auf der Straße, .... ich Hab' ihn gleich erkannt! Ermanne Dich doch, liebe Mutter!" sie warf einen Blick durch's Fenster, „ich seh' ihn schon, er wird gleich da sein . . . ." „Wer kommt?" rief Blochner erschrocken, „der Amtsdiener, um Eva zu vertreiben?" „Nein, der nicht!" erwiderte Lea mit einem glücklichen Lachen, „ein Anderer, ein Besserer, ein Lieberer!" — aber sie konnte den Satz nicht vollenden, schon während Lea die letzten Worte sprach, konnte man im Zimmer die Hufschlägc eines im raschesten Galoppe ansprengenden Pferdes und dessen lustiges Wiehern vernehmen; — jetzt öffnete sich die Thüre und eine Hühnengestalt in einem wallenden, weißen Dragonermantel stürzte iu's Zinuner. „Tausendfachen Dank, Dir Vater im Hinnnel!" rief der Ankömmling, „Vater, Mutter, Lea! ich seh' euch Alle wieder! .... ich kann vor Aufregung nicht sprechen .... ich bringe Glück! so groß, daß ich cs nicht schildern kann! — wie Hab'ich armer Kriegsknecht das große Glück verdient; das dank' ich gewiß nur euerem frornmen inbrünstigen Gebete!" Die Mutterliebe ist eine gar wundersame Macht und der Anblick des Sohnes, um den sich Eva in so quälender Sorge befunden, und der nun plötzlich unerwartet, unverhofft, sonngebrannten Antlitzes in voller Manncskraft, in Fülle strotzender Gesundbeit, lächelnden Mundes und doch thränenfreudiger Rührung in den Augen vor ihr stand, stärkte sie weit mehr als dies die heilsamste Arznei, der stärkcndste Wein zu thnn vermocht hätte. Mit einem wilden Jubelschrei zuckte Eva von ihrenl Stuhl empor, ihr bleiches Gesicht ward brennend roth und das Helle Mutterglück zauberte einen Moment wieder den Reiz und-, die Anmuth längst entschwundener Jugendzeit in das vergrämte Gesicht der alten Frau zurück .... sie flog mit dem elastischen Schritte eines jungen Mädchens dem stattlichen Sohn an den Hals, küßte stürmisch sein Lockenhaupt, seine Stirne, seine Angen, seinen Mund und segnete ihren Sohn und lachte und weinte Nun wollte auch der Vater den ihm gebührenden Anthcil an dem herzlichen Empfange des unerwarteten Gastes haben und sprach: „Schon genug, Mutter, lass' auch mich ihn küssen, meinen braven, lieben Sohn, so .... so .... so .... so .... so ... . so . . . ." und bei jebent Worte preßte er sein thränenüberströmtes Gesicht heftig an Davids Wange und schloß ihn in seine Arme, als wolle er sich nimmer von ihm trennen. Lea stand mit holdem Erröthen, sich mit dem Schürzenzipfel die Thränen ans den Augen wischend, seitwärts. „Tritt nur näher, Lea!" rief Blochner, „Du gehörst ja auch zu ihm, Du bist ja seine Verlobte, und bliebst ihm treu, Du gute Arme, und wiesest den reichen Bewerber, den schönen jungen Mann, der Dir ein glückliches Loos bereiten konnte, um unseres David willen, ab;" allein während Lea in des schmucken Dragoners Arme sank, überkam Blochner inmitten seines Freudentaumels die Erinnerung au das Unglück seines Lebens, das er, wie der Galeerensklave seine Kette, durch's Leben schleppte, au das Unglück, das nicht nur sein eigenes Dasein, sondern auch das Dasein seines Sohnes, seiner Pflegetochter unheilbar vergiftete; und in überströmender Bitterkeit fuhr er fort: „Freilich das Opfer, das Du David und Deiner

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