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Der Israelit · 1884-12-30 · Heft 103 (30.12.1884) · page 3

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Journal
Der Israelit
Volume
25 (1884)
Issue
Heft 103 (30.12.1884)
Date
1884-12-30
Page
– (sequence 3)
Language
German
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1689 ersten Menschen und Völkern und ihren Erlebnissen, wie auch von Zeitereignissen gibt, dessen Stempel die strenge einfache Wahrheit ist, da nichts übertrieben, nichts beschönigt, nichts entschuldigt, sondern schlicht und einfach erzählt wird, da soll Alles in Zweifel gezogen werden dürfen? Ist das nicht Vorurtheil? Ein Vorurtheil, das nicht einmal selbstständig ist, sondern durch das Vorurtheil der nichtjüdischen Welt übergcgangen ist auf einen Theil der jüdischen Welt. Aus vorgefaßter Meinung gegen die jüdische Religion und ihre Wahrheit jubelt man heute jeder neuaustauchenden Weltanschauung irgend eines Professors zu, als ginge damit eine neue Sonne auf. „Das ist Wahrheit!" „Das ist die einzig richtige Idee!" so tönt's von den Lippen vieler Juden. Man prüft nicht und läßt jener neuen Idee nicht Zeit, sich zu bewähren, sich als Wahrheit Anzeigen; das ist Licht! so ruft man. Wie oft aber sind solche Lichter schon aufgetaucht einem glänzenden Meteore gleich, das da über unseren Häuptern strahlend dahinfchwebt, je näher es aber der Erde kommt, sich verdichtet, und aus einem Lichtkörper als todter Stein zur Erde fällt. Und ebensowenig wie man die neuaustauchenden Wahrheiten zu prüfen sich die Mühe nimmt, sucht man das jüdische Gesetz kennen zu lernen, um sich ein Urtheil bilden zu können. Man hat ja sein Urtheil fertig in der Tasche. Es kommt im Leben zuweilen vor, daß man ein Vorurthell gegen Jemand hat, ihn deßhalb iguorirt, Alles was er thut von der vorgefaßten Meinung aus betrachtet und beurtheilt und ungünstig beurtheilt, bis schließlich der Mann uns bei irgend einer Gelegenheit näher tritt, wir ihn von einer ganz anderen, viel günstigeren Seite kennen lernen und uns dann innerlich schämen, ihm bis jetzt so großes Unrecht gethan zu haben. Auch das Judenthum, das heute wieder so vielfach angefeindet wird, dem man alles Schlechte und Ungünstige nachsagt, ja das man mit seinen Gesetzen, selbst mit seinem Gottesbegriffe in den Staub ziehen möchte und das von vielen Juden geringschätzig beurtheilt wurde, es tritt uns heute näher, als es in den letzten Jahrzehnten der Fall war; es tritt uns näher, auch den ferne Stehenden, da auch diese gezwungen sind, mit ihm sich selbst zu vertheidigen und es deßhalb auch kennen zu lernen, richttger zu beurthellen und schließlich beschämt sich zu gestehen: ich haben bis heute die jüdische. Religion und das jüdische Gesetz verkannt., i (in:: . : Und ebenso wie sich die Vorurtheile der nichtjüdischen Welt gegen die Juden von Geschlecht zu Geschlecht forterbcn und durch die vielen Fehler, die man ihnen andichtet nnd auch finden will, ihre Tugenden und guten Eigenschaften nur in verblaßter Farbe erscheinen; ebenso sieht der moderne Jude in dem frommen Juden ein ihn mehr abstoßendes Bild. Sehr selten gesteht er zu, daß der fromme Jude gerade so gebildet und ehrenhaft sein könne, wie ein moderner Jude. Und wenn man ihm, wie es zuweilen vorznkommen pflegt, Bildung und Ehrenhaftigkeit des Characters nicht absprechen kann, so erscheint es ihm doch unbegreiflich, daß er in seiner religiösen Anschauung so engherzig und befangen ist. Und deßwegen nimmt er in seinen Augen nicht dieselbe Bildungsstufe ein, wie er. Daß der gesetzcstreue Jude, auch wenn er sonst ein ganz netter, liebenswürdiger Mensch ist, sich auch in Gesellschaft, oder in Gegenwart anderer Leute nicht genirt, Jude zu sein und ein religiöses Gebot, oder eine religiöse Ceremonie öffentlich übt, das macht ihm den Verkehr mit demselben auch nicht wünschenswerth. Möglich auch, daß es auch gcuirt, wenn jener sich als Jude zeigt und man dadurch erinnert wird, daß mau auch Jude ist, aber ein solcher, der dieses jüdische Gebot nicht beachtet. Es erweckt immerhin ein unangenehmes Gefühl, daß man sich in Conflikt. weiß mit dem jüdischen Gesetze und so wenig Stichhaltiges dafür Vorbringen kann. Man ärgert sich daher sehr leicht über jenen, der noch streng fest hält am altjüdischeu Gesetze, am Gesetze Mosis - und von Acrger bis zum Haß und Vorurtheil ist nur noch ein Schritt. So erklärt sich die Erbitterung, die man von Seiten der modernen Juden den Gesetzestreucn entgegenbrachte, sie verdächtigte und ihnen gar manchmal großes Unrecht that. Mit derselben Ruhe, wie wir all die vielen Vorurtheile mit ihren Consequenzen von Seiten der nichtjüdischen Welt ertrugen — es war die Ruhe eines reinen Gewissens — ebenso haben uns die Vorurtheile unserer modernen Glaubensgenossen nicht abbringen kommen von dem Wege, den uns unser Gottesgesetz vorschreibt; haben uns nicht, um keines weltlichen Vortheils halber, verleiten lassen können, die Bildung und den Rang eines Gebildeten mit Verleugnung unserer Religion zu erkaufen. 1 » Aber an unsere modernen Glaubensgenossen möchten wir die Mahnung richten, ans den Vo.rurthellen der Neuzeit, unter denen auch sie, ja ganz besonders sie zu leiden haben und sicherlich-auch manches Unrecht ertragen müssen, einen Schluß auf das eigene Vorurthell zu ziehen, mit dem sie ihre .gesetzestreuen Brüder behandeln. Vielleicht werden, sie zur Erkenntniß kommen, daß auch von ihnen Unrecht

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