Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 25 (1884)
- Issue
- Heft 101-102 (23.12.1884)
- Date
- 1884-12-23
- Page
- – (sequence 23)
- Language
- German
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1685 dauern gestehe ich zu, daß mir die Schriftzüge wohlbekannt sind, es sind die unseres Mitschülers, meines Nachbars Saume! Strauß." Eine allgemeine Unruhe erhob sich in der Klasse und viele giftige Blicke wandten sich gegen Samuel. Dieser war kreideweiß geworden, und nur mit großer Mühe konnte er, als Dr. Kaleke, ihn scharf ansehend, fragte, ob er dies geschrieben, ein „Nein" hervorstottern. Wieder ward es unruhig und „Feiger Lügner! Es ist ganz sicher seine Schrift!" zischte es durch die Klaffe. „Geben Sie mir eines Ihrer Hefte, Strauß!" befahl Kaleke. Bebend reichte ihm dieser das Verlangte dar. Aufmerksam verglich Kaleke Buchstabe für Buchstabe, und plötzlich schleuderte er das Heft zu Boden. „Jude, was erfrechst Du Dich!" schrie er wüthend. Ein Beifallsgemurmel durchzog die Klasse. „Herr Doctor," stammelte Strauß. „Schweig oder ich vergesse mich!" kreischte jener, und, sich gewaltsam fassend, setzte er mit kaltem Hohne hinzu: „Geh'fort, Jud', und beschmutze uns nicht weiter durch Deine Gegenwart." Samuel Strauß stand auf. Ein Strom von Thränen brach aus seinen Augen. „Ich gehe," schluchzte er, zur Thür gewendet, „doch der allbarmherzige Gott wird sich auch meiner erbarmen und meine Unschuld an den Tag bringen gegen die, die mich gequält und gemartert, seitdem ich diese Schwelle betreten!" „Willst Du Dich herauslügen, Mauschelcs? Das kannst Du ruhig thuu, Deinesgleichen nehme ich eine Lüge nicht übel!" Die letzten Worte Kalckes trieben alles Blut in das Gesicht Samuels zurück, und ein edler Zorn verlieh ihm wieder Kraft. „Herr Doctor", begann er, und seine Stimme vibrirte nur noch ein wenig, „diese hier geschriebenen Worte sind noch feucht, sie sind in dieser Stunde geschrieben, und heute ist Sabbat, den ich durch Schreiben nicht entheiligen darf. Sie werden keine Feder bei uiir finden und auch mein Tintenfaß ist noch geschlossen." „Das ist wahr," murmelte Kaleke verblüfft, „doch wo sollte dieses Papier herstammen? Und so schreibt er das E, so das S, so das A!" Prüfend richte sein Blick auf. Samuel, als sich Tiepeuburg wieder zum Worte meldete. „Strauß," sagte er, „wird wohl schon Ablaß für diese eine Sünde erhalten können, und daß er heute seine Tinte und seine Feder noch nicht gebraucht, beweist weiter nichts, als die merkwürdige Schlauheit, die . diesem Volke angeboren ist." Es war Tiepeuburg nicht gelungen, seine Ruhe zu bewahren, eine eigenthümliche Aufregung hatte sich bei jenen Worten seiner bemächtigt. Kaleke's graue Augen schienen den Sprecher durchbohren zu wollen; der hielt den Blick nicht aus und schlug die Augen nieder. „Bei den Juden gibt es keinen Ablaß, Tiepenburg, und ich glaube nicht, daß Strauß den Sabbat entweiht hat. Sie scheinen sich übrigens sehr für die Sache zu interessiren, Tiepeuburg, so leid es Ihnen thut," fuhr er mit Ironie fort. „Und da fällt mir ja auch gerade ein, daß Sie ein wahrer Tausendkünstler sind; Sie haben ja schon einige Mal Ihre Mitschüler durch eine täuschende Nachahmung der Schrift Ihrer Lehrer unterhalten. — Der Herr Director will, wie Sie wissen, alle verwickelten Streitigkeiten selbst schlichten, folgen Sie mir, und auch Sie, Strauß, zu demselben." „Lächerlicher Verdacht," murmelte der junge Herr, doch sein verzerrtes Antlitz strafte ihn Lügen. Der Director hatte rasch die Sachlage erfaßt. Aufmerksam betrachtete er den Zettel. „Dies Papier scheint einem Notizbuch entnommen zu sein," sagte er, „wollen Sie gütigst Beide mir die ihrigen zeigen?" „Es ist heute Sabbat," sagte Strauß; „ich habe daher mein Notizbuch nicht bei mir." „Ich brauche meine Privatangelegenheiten nicht prciszugebeu!" rief Tiepeuburg mit gemacht trotzigem Tone. „Die anwesenden Herren werden mir Zeugen sein, daß ich keines Ihrer Geheimnisse lese," versetzte der Director lächelnd. „Soll ich vielleicht den Herrn Pedell ersuchen-— Da übergab ihm Tiepeuburg das verlangte Büchelchen. Trotz, Scham, Wnth, Verwirrung wechselten schnell in seinen entstellten Zügen. Bald hatte der Director die Stelle gesunden, zu welcher das Blatt auf das Genaueste paßte. „Das sind die Früchte Ihres Bundes!" wendete er sich au Kaleke. „Das sind die Früchte," schrie Tiepeuburg, „daß ich neben, ja, unter einem Juden sitzen muß!" „Schweigen Sie," donnerte ihn der Director an. „Sie brauchen nicht mehr zu reden, Sie haben Ihre Gesinnung hier zur Genüge bewiesen. Dieser Jude, wie Sie sagen, ist mir lieber, denn hundert Ihresgleichen. Gott! W e l ch' e i n e Z e i t st r ömung, die unsre deutschen Jünglinge anfacht, Unschuldige zu verfolgen, die