Mannheim
Compact Memory

Der Israelit · 1884-12-23 · Heft 101-102 (23.12.1884) · page 22

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Der Israelit
Volume
25 (1884)
Issue
Heft 101-102 (23.12.1884)
Date
1884-12-23
Page
– (sequence 22)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
93% known words query
IRI
…/2446951-2449406-2449501--21385-2510968
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

1684 die Gemeinde that wohl daran. Mit unendlichem Fleiße und unbeschreiblicher Hingebung bemühte sich der würdige Sohn, in die Fußstapfen seines Vaters zu treten, zu lernen und zu lehren und mit aller Kraft für unsre heilige Thora einzustehen. Dreinnddreißig Jahre lang stand er an der Spitze der Rabbinen Ungarns, und gegenwärtig sind die meisten gesetzestreuen Rabbinen dieses Landes ehemalige Schüler dieses großen Lehrers in Israel. Als er im Jahre 1873 im besten Mannesalter von dieser Welt hinweggeuommen wurde, betrauerten ihn alle treue Gläubigen unsres Volkes in allen Ländern der Diaspora. Seine nach seinem Tode erschienenen gelehrten Werke idid nnr rYirran, Nesponsen ans kasuistische Anfragen, und 1OD 2ro ido, ein Commeutar auf den Pentateuch, legen Zeugniß ab von großer Gelehrsamkeit und einem umfassenden Geiste. Auch er hatte das Glück, daß einer seiner Söhne, der gegenwärtige Oberrabbiner von Preßburg, sein Nachfolger wurde, der ebenfalls im Geiste seines Vaters und Großvaters wirkt und die Jeschibah zu hoher Blüthe entfaltet. So erfüllte sich denn an ihm der Wunsch des königlichen Sängers -pan "proa« nnn, daß der Enkel glorreich das Amt versieht, in dessen Verwaltung Großvater und Vater sich unsterblichen Ruhm erworben haben. Aer Anti-Semiten-Mimd zu A. Ein Zeitgeschichtchen. Von Aon. Lehmann. Mit einem lauten „guten Morgen" tänzelte Dr. Kaleke in die Klasse und schwang sich auf das Katheder. Dr. Kaleke war Lehrer der alten Sprachen und augenblicklich Klassenführer, der Obersckunda. Er war von grundaus kein bösartiger Mensch und liebte die Gerechtigkeit, doch konnte er auch ein finsterer Schültyrann werden; er gehörte auch dem Antisemitenbunde an, der sich in F., einem norddeutschen Städtchen, gebildet hatte. Er that dies mehr ans collegialischen Rücksichten, da sechs der Gymnasiallehrer zu F. diesem edlen Vereine angehörten; auch gehörte dies leider unter „den Gebildeten" von F. zum „guten" Tone. Wie nnn die Schüler des Gymnasiums zn F. sich ihrem jüdischen Mitschüler — nur. ein Jude befand sich damals in demselben—gegenüber benahmen, brauche ich wohl nicht zu erörtern. Samuel Strauß hatte zu dulden, doch dieser Ausdruck ist zu schwach, er hatte unsagbar zu leiden; trotzdem war er der ft;.nbtge Primus seiner Klasse, und auch dies wieder war es, was Neid neben der Verachtung w.d dun Haffe gegen ihn heraufbeschwor; namentlich Herr Tiep von Tiepenburg ließ keine Gelegenheit Vornbergehen, seinen jüdischen Mitschüler zu kränken. - Dr. Kaleke hatte Platz genommen und einen großen Stoß uritgebrachte Hefte und Bücher ans den Rand des Katheders gelegt, m gefährlichster Nähe eines neben ihnen aufgestellten Tintenfasses. Jetzt begann er zu dotiere» und mit einer lebhaften Handbewegung begleitete er die Erklärung zn einer dunklen Stelle aus „In Catilmam II.“ Doch die Bewegung schien etwas zu kraftvoll gewesen zn sein, rmd Bücher und Hefte und Tintenfaß bewegten sich in wildem Tanze auf dem Boden. „Warum haben Sie mich nicht auf das Tintenfaß aufmerksam gemacht," rief er den Schülerrr zn und mit einem „Esel sind Sie Me," polterte er vom Pulte herunter. „Esel sind Sie Alle!" war einer der beliebtesten Ausdrücke des Herrn Dr. Kaleke. Als er der beschmutzten Bücher ansichüg wurde und vergeblich versuchte eines derselben zu reinigen, verbesserte sich seine Laune gerade auch nicht. Schmollend hob er eines nach dem anderen vom Boden, da — was war das für ein Zettel, der neben einem der Bücher lag? In deutlichen, noch feuchten Buchstaben stand da zu lesen: „Esel sind Sie Alle/ Tu sagst's i» jedem Falle; Wir sagten das auch gern zu Dir, Doch dauert uns das arme Thier.. Herrn Dr. Kaleke in gebührender Verehrung gewidmet von einem feiner Schüler." Einen Augenblick war der Schultyrann sprachlos vor Wnth; dann keuchte er mit bleichen Lippen hervor: „Wer war das!? — Der Zettel muß soeben geschrieben sein — und von einem aus der ersten Bank muß er herstarwnen, sonst wäre er nicht vor das Katheder gefallen." Wüthend lief er in der Klaffe ans und ab; dann hielt er den Zettel empor. „Ich fordere jeden ehrlichm Menschen, jeden, der noch etwas von deutscher Redlichkeit weiß, ans, zu sagen, ob er diese Schristzüge kenne!" Tiefe Stille herrschte und man konnte das Athemholen der Schüler deuttich Horen. / Da stand Tiepenburg auf. - * „So leid es mir thnt," sagte er, „aber ich kann eine Appellatton cm meine deutsche Redlichkeit nicht unbeantwortet lassen. Mt schmerzlichem Be-

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.