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Der Israelit · 1884-12-23 · Heft 101-102 (23.12.1884) · page 11

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Journal
Der Israelit
Volume
25 (1884)
Issue
Heft 101-102 (23.12.1884)
Date
1884-12-23
Page
– (sequence 11)
Language
German
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und über mit Zucker oder Mehl bepudcrt — und weil es unvermeidlich ist, daß Neste von Kaninchenfellen und Kauinchenhaaren im Zimmer Zurückbleiben und dort in Fäulniß übergehen. Die armen Inden in den Slums gehören einer Klasse an, von der selbst die eigenen Stammgenoffen in Deutschland mit nicht viel Liebe zu reden pflegen: Kleiderhändler, Hausirer, Trödler, Bettler. Bon den Engländern unterscheiden sie sich scharf, nicht nur durch jüdischen Gesichtstypus und jüdische Manier, sondern auch, und namentlich dadurch, daß sie das Englische mit einer Art jüdisch-deutschem Accent sprechen, denn sie stammen fast sämmtlich aus Gegenden, wo die niedere Klaffe der Juden die Landessprache durch jüdisch-deutschen Jargon entstellt, aus Westrußland, Polen, Ungarn, Deutschland und Holland. Viele sind selbst dort geboren, die andern sind Nachkommen von dorther eingewandcrten Voreltern. Unter diesen Umständen ist cs doppelt bemerkenswerth, welche Sympathie und Achtung die armen Inden den beiden Engländern einflößen, die sich über sie vor dem Parlamentscomittz ansgelaffen haben, dem Sanitatsinspector Dr. Liddle, und dem mit der obersten Entscheidung über die Expropriations-Entschädigungen beauftragten Parlamentsmitglied und Kronadvokaten (Queen’s Counsel) Mr. Rodwell. Dr. Ljddle sagt: „Die Inden sind sicher nicht der ungesundeste Theil der Bevölkerung dieses Stadtviertels. Der Inspektor Mr. Dyte bemerkt, das; die Juden in der Regel langlebig sind, und daß ihre religiösen Sanitätsvorschriften sie befähigen, lauge gegen ungünstige hygienische Verhältnisse anzukämpfen, eine Behauptung, deren Bestätigung ich selbst zur Cholerazeit gesehen habe. Auch der Juden Nüchternheit trägt zu dem guten Gesundheitszustand bei. Ferner lebt, soweit sie es irgend kann, jede jüdische Familie in einem Hause für sich; nicht wie arme Engländer und Irländer mit anderen Leuten zusammen. Gewiß, die Inden sind sehr vortreffliche Bürger." Mr. Rodwcll sagt: „Von allen intelligenten Menschen, mit denen ich je in Berührung gekommen bin, sind die Juden die vordersten und am reinlichsten in ihren Bräuchen." Es handelt sich hier, wir wiederholen es, um die ärmsten Juden: Kleiderhändler, Trödler, Hausirer, Schnorrer. Daß diese in Slums wohnen, hat folgenden Grund: dem armen Juden ist es sowohl Gemüthsbedürfuiß als Geschäftserforderniß, in der Stadtgegend zu leben, die von jeher die Londoner Heimath der arme» Juden gewesen, in der Lage dem Berliner Spandanerstraßen-Viertel ähnlich. Diese Gegend aber — diesseit und jenfeit der östlichen Grenze der City gelegen — ist eine von denen, die am stärksten vom andringenden Gcschäftsleben der City überflnthet worden ist. Nach der Anssage eines Sachverständigen ist hier der Quadratfuß ein Pfund Sterling, d. h. die Quadratruthe über 3000 Mark, Werth. Also findet hier der arme Mann nur im Slum, d. h. in den mit halbverfallenen Häusern besetzten engen Gaffen, die bisher von der überfluthenden, aus der City strömenden Bewegung unberührt gelassen worden sind, ein seinen Mitteln zugängliches Nuterkomulen." — Fenilleto rr. Aer Iaröensinn öei den Inden. Von stiul. med. Salvntore (Ottolenghi. *) Der Farbensinn, durch welchen der Mensch die glänzenden Farben erkennt, mit denen ihn das Weltall umgibt, und durch den es ihm gegeben ist, die zahllosen Schönheiten der Natur zu begreifen, ist nicht bei allen in derselben Weise entwickelt, und was freilich selten vorkommt, bei manchen fehlt er gänzlich. Können wir uns die graue Finsternis; vorstcllen, welche einen einförmigen, monotonen Eindruck des Gemäldes der Natur zeigen muß, wie er von dem empfunden wird, der vollständig farbenblind ist? Die süße Harmonie, welche sich durch unsere Herzen ergießt, wenn unser Auge auf dem ruhigen Grün der Wiesen weilt oder sich zum tiefen Blau des Himmels erhebt, wie kann diese von demjenigen empfunden werden, der ihr wundervolles Panorama nnr auf einer kalten Photographie sieht? Von dem berühmten Dalton, welcher im Jahre 1798 die Blindheit in Bezug auf die rothe Farbe an sich selbst entdeckte, indem er berichtete, daß er an einem Kirschbaum durch die Farbe die Blätter nicht von den Früchten unterscheiden könne, bis auf unsere Tage ist die Alteration des Farbensinnes, die „Farbengleichheit" der Deutschen, der „Daltonismus" der Franzosen und wie die mehr oder weniger genau sogenannte Discromatopsia der Italiener, Gegenstand zahlreicher und gelehrter Studien gewesen, daß wenn man allein darüber einen bibliographischen Index machen wollte, man Bände dazu brauchte. Und wirklich außer der Wichtigkeit, welche diese Sache dnrch sich selbst als wissenschaftliche Untersuchung haben muß, hat sie auch aus anderen Hinsichten ein menschliches und *) Vgl. „Vesillo israelitico“ 1884, Heft 9.

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