Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 25 (1884)
- Issue
- Heft 98 (11.12.1884)
- Date
- 1884-12-11
- Page
- – (sequence 19)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 94% known words query
- IRI
…/2446951-2449406-2449498--21319-2510899- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
1629 daß sie Dich so sehr belMigt. Wenn Du, gutes Mädchen, Deine arme, kranke Nachbarin nicht pflegtest, ich wäre ja ganz verladen. Du thnst so viel für wich! Doch wenn er kömmt, er wird's Dir gewiß vergelten." ' „Bitte, sprechen Sie doch nicht so!" sagte Judich. „Jetzt müßte er gerade kommen," fuhr die Frau fort, „sieh' doch im Vorderhause einmal aus dem Fenster, und sage rnir, ob er noch nicht kömmt." Judich ging; nach geraumer Zeit kehrte sie wieder; er war nicht gekommen. Die sHnarzwäldcr Uhr hatte sechs geschlagen, er war nicht gekommen. Die Beiden forschte« und horchten; er kam nicht. Die Alte ließ sich die Chanuka-Menoro reichen; „ich dachte, er sollte sie anzünden," seufzte sie. Sie sprach kn Segen und starrte trübselig in die Uamme. „Wo bleibt mein Sohn, mein geliebter Sohn?" IL Grau und finster blickte der Himmel auf das wogende Meer hernieder; grelle Blitze zuckten, der Donner.rollte, ^mrd. die rasende See warf die schäumenden Wellen empor. „Mynheer Brom.“ das Schiff, auf welchem Abraham oder Adolf, wie sich der Deutschamerikaner drüben genannt, tanzte auf den Wellen; bald tief hinunter, bald hoch hinauf wurde es geschleudert, den Mastbaum hatte ein von dem Blitzableiter abgesprungener Blitz zerschmettert, „Lhnlieer Brom“ war dem Scheitern nahe. Die meisten Paffagiere standen in diunpfes Hinbrüten verloren, oder wälzten sich, von der Seekrankheit schier zur Verzweiflung getrieben, umher; nur wenige wandten sich in flchentlichenl Gebete zu ihrem Schöpfer. Unter Letzteren war Abraham. „Mein Gott, nuNl Gott," betete er, „ich erkenne Deine strafende Hcmd! Wie oft habe ich Deine heiligen Gebote verletzt und mich dessen gerühmt, wenn dennoch Alles glückte, was ich nuteWahm, aber Du bist gerecht, doch bist Du auch erbar-nmugsvoll, ewiger Gott! Jetzt, jetzt, laß mich leb«!, laß mich nach Hause kommen zu meinem kranken Mütterchen , laß' niich es pflegen, ihm die Mrfurcht erweisen, die ich ihm so lange mcht erweisen konntet" Ein Mer, schriller Krach, „Mynheer Brom“ war geborsten. „Leb' wohl, hh wicht, mrinMütterchen," schrie Abraham auf, „GM möge sich Deiner erbarmen!" Me Passagiere Mchtttcu mit dem Kostbarsten ihrer Habe auf die Rettungsboote; furchtbar trieb der Wind die kleinen Schälchen umher. ■:> Ihr Arnim, wer von Euch wird die geliebte Heimath erreichen?! - ’T:'. in. '!J:"‘:;r Der siebente Tag des Ehanukah-Festes war herangekommcn. - Wieder war es gegen Abend. Die Kranke lag noch in ihrem Bette, nur daß sie viel kränker, viel abgehärmter aussah.- An ihrem Lager stand das junge Mädchen mit vor Weinen gerötheten Augen , und der Arzt, der die Linke der Kranken in der Hand hielt. „Wie stetstes, HerrDoctor?" flüsterte Judith. Der schüttelte traurig das Haupt. . „Der anhaltende Gram hat ihre Gesundheit ganz untergraben," sagte er leise; „nur etwas könnte ihr noch Rettung bringen — und das ist leider wohl kaum mehr möglich." „Ich verstehe Sie," flüsterte das Mädchen, „arme Mutter, armer Sohn!" , . Die Alte schlug die Angen auf. -; „Noch keine Nachricht?" fragte sie. Die Beiden schwiegen. „Ach, noch keine! So reicht mir den Ehanukah- Leuchter; ich will anzünden; wohl zum letzten Male." Ihre zitternde Hand erhob sich, unterstützt von Judith. Da — „Mütterchen! Lebt liteiii Mütterchen noch?" und ein Mann sank vor dem Bette nieder und bedeckte die bleiche Hand mit tausend Küssen und Thränen.--— — — — — — Erneute Kraft war in den Körper der Alten geflossen; wie ein Kind weinte sie, lachte sie. „Kennst Du sie nicht mehr, und hast doch als Knabe so oft mit ihr gespielt!" „Judith Susmann!" „Wenn Du wüßtest, wie sie mich gepflegt, was sie an mir gethan!" „Edles, liebes, gutes Mädchen! Wie oft habe ich drüben, jenseits des Oceans, an Dich gedacht! Ich werde Dir zu vergelten suchen, was Du meinem Mütterchen gethan." Die Jungfrau erröthete tief und schwieg verlegen. „Aber Du hast ja noch gar nicht den Chanukah-' Leuchter angezündet," rief die Mutter, fröhlich lachend. Und der Mann ergriff das Licht, das Judith ihm reichte, und aus dem Tiefsten seines Herzens