Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 25 (1884)
- Issue
- Heft 98 (11.12.1884)
- Date
- 1884-12-11
- Page
- – (sequence 6)
- Language
- German
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1616 und Er ist unser Alter Vaters Wir unterscheiden uns nur in den Formen seiner Verehrung, wie wir sic von unseren Urahnen überliefert erhielten; wir haben kein Recht zn unterscheiden, wer den richtigen Glauben hegt. Uns Allen, Inden wie Christen, liegt die Pflicht ob, in Frieden und Eintracht wie Brüder zusanimcnzuwohnen, und dcßhalb blutet mir das Herz über die Anfeindungen mw Gcwaltthätigkeitcu, welche Ihr ohne Euer Verschulden von vielen Seiten ausgesctzt seid. Ich haben mit den höchsten Staatsbeamten gesprochen und ein Wort für Euch eingelegt, das; Ihr als treue Bürger unseres Landes nicht Haß, sondern Schutz verdienet. — Wie beglückt wir über diese Worte des ehrwürdigen Metropoliten sind, braucht nicht erst gesagt zu werden. Bei der hervorragenden Stellung dessen, der sie gesprochen, werden dieselben nicht verfehlen, den tiefsten Eindruck zu machen. Hamelitz. Feuilleton. Der ßonrier. Historische Erzählung von S. Kohn. (Verfasser von „(Gabriel.") (Fortsetzung.) Es war seit dieser Zeit wieder ein volles Jahr verflossen. Die drei Menschen, Davids Eltern und seine Verlobte lebten ein eigenthümlich eigenartiges Leben. Die Gegenwart war freudlos, die Zukunft beispiellos aussichtslos. — Seitdem es Schriftsteller gibt, haben diese in der überwiegenden Mehrzahl ihrer Romane, das Schicksal zweier Liebender geschildert, deren Vereinigung sich Hindernisse .entgegenstellen, aber, bei näherer Betrachtung ergibt cs sich fast ausnahmslos, daß die Hindernisse nichts weniger als nnüberstcigliche sind, daß sie vielmehr meistens durch dieWillkür einzelner Menschen entstehen: zum Beispiel der Abneigung des adeligen Vaters seine Tochter einem Bürgerlichen zur Gattin zu geben, oder der gegenseitigen Feindschaft der Eltern n.dgl.m.; durch dieWillkür einzelner Menschen, die ihre Ansichten ändern, den Bitten der Liebenden »achgeben, von dritten Personen becinstußt, endlich ja auch sterben können. Die Hoffnungslosigkeit der Liebenden ist daher nur eine scheinbare, leicht behebbare. Der Vereinigung Davids und Lea's stemmte sich ein Staatsgesetz, ein den armen, mittel- und einflußlosen Menschen' gegenüber, vollkommen unbesiegbares Hemmniß entgegen, für sie gab es in der That keinen Hoffnungsstrahl, auch die üppigste Phantasie hätte sich nicht eine günstige Möglichkeit zu ersinnen vermocht Und doch gab cs Momente, da fichLea glücklich fühlte. Ihr Verhältniß zu David war das reinste, edelste, das man sich nur vorzustellen vermag; und die Erinnerung an den geliebten Mann — wenn derselben nicht die Angst um Ihn beigemifcht war — verschönte manchen Moment ihres sonst frendearmen Lebens. Allein diese wonnigen Augenblicke bildeten die verschwindende Minderzahl! .Fast war es noch ein Glück, daß Vater und Mutter von den alltäglichen, gemeinen Sorgen für ihre Erhaltung schwer in Anspruch genommen waren und ihre Gedanken auf jene richten mußten. Veit Blochner mußte, da sein kleiner Handel im Hanse zn geringfügig war, wieder hausiren. Zuweilen, wenn das Wetter für den alten Mann gar zn schlecht war, übernahm es Lea, Maaren in die Dörfer zn tragen, zuweilen ging sie in die nächste Stadt, um Einkäufe zu besorgen; wenn sie zu Hause war, war sie der Mutter eben so im kleinen Laden beim Verkaufe, als in der Küche und Hanswirthschaft behilflich. Diese war trotz des kleinen Haushaltes doch mit Beschwerlichkeiten verbunden. Das Fleisch für den Samstag mußte, da selbstverständlich nur solches von rituell geschlachteten Thkeren gegessen werden durfte, und Blochner der einzige Jude im Dorfe war, aus weiter Entfernung geholt werden; zerbrach ein Topf, konnte derselbe nicht zeitweilig durch einen ausgeborgten ersetzt, sondern es mußte aus ziemlicher Entfernung ein neuer geholt werden, weil die Juden ihre Speisen auch nicht in einem Topfe kochen dürfen, in welchem früher Fleisch von verbotenen oder nicht rituell geschlachteten. Thkeren gekocht worden, und derartiges mehr. Da Veit Blochner ein armer Mann und die Zeit eine schlechte war, so mußte auch mit äußerster Sparsamkeit vorgegangen werden, und da Frau Eva schon schlechte Augen hatte, hatte Lea vollauf zn thun, die alten Kleider, die Leib- und Hauswäsche auszubessern und im Stande zn halten. Lea ersetzte einen Dienstboten und wenn ihr bei ihren verschiedenartigen Beschäftigungen noch eine Stunde frei blieb, so verwendete die geschickte Näherin diese dazu, für Beamten- und reiche Vanerfranen im Lohn zu nähen: Die ganze Familie war sechs Tage der Woche vollauf beschäftigt und nur der Sabbat bildete eine kleine Oase in der Wüste ihres Lebens. Da pflegten sie Freitagabend *), Samstag Mittag und - bei der dritten Sabbatmahlzeit beisammen zn sitzen und in rnhigem heiteren Gespräche an. das sie umschwebende *) Be! den Juden beginnen die Sabbate und Feiertage : mit dem Vorabend. -