Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 25 (1884)
- Issue
- Heft 98 (11.12.1884)
- Date
- 1884-12-11
- Page
- – (sequence 7)
- Language
- German
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1617 Ungemach zu vergessen. Aber heute fehlte auch diese weihevolle Stimmung? - Der Vater war gestern sehr spat, erst kurz vor Anbruch des Sabbats und ganz fassungslos ans Neuhof heimgekommen, und Frau und Pflegetochter hatten sofort erkannt, daß ihn ein neues Leid bedrücke. Sie bestürmten ihn mit Fragen, die er, um ihnen nicht die karge Sabbatfreude Zu verderben, ausweichend beantwortete. Erst nach dem Mittagstische, war cs den beiden Frauen gelungen, aus dem für die Dauer keiner Verstellung fähigen Manne, die Wahrheit herauszulocken. Erbleichend und erröthend, erzählte er, was der neue Oberamtmann von ihm gefordert. Eva brach in heftiges Schluchzen aus, aber Lea rief: „Das ist ja unmöglich, das wäre ja der höchste Frevel, eine unerhörte Grausamkeit .... Beschwere Dich, lieber Vater, beim Kreisamt, geh'zum Oberstburggrafen nach Prag, die hohen Herren sind immer besser als die Untcrbcamten, welche den Juden nur als eine Melkkuh betrachten." „Lea hat recht!" rief Eva hastig, plötzlich wieder Hojsuung schöpfend .... „geh' gleich heute Nacht nach Ausgang des Sabbats in die Kreisstadt." Vlochner schüttelte betrübt verneinend das Haupt. „Es wäre vergeblich .... Der Amtmann hat das Gesetz auf seiner Seite. Arme, arme Frau! Wir haben ohne Nischojon**) geheirathet, der Staat erkennt unsere Ehe nicht an .... unser Sohn wird als ein uneheliches Kind betrachtet. DasKreisamt und das Landesgubcrnium würden die Entscheidung des Obcramtmanns bestätigen." „Nein, nein, nein!" schrie Lea zornig, „mir will das gar nicht zu Kopfe, daß man unsere gute, würdige Mutter, wie eine .... Dirne wegschicken kann," und sie schloß die alte Frau in ihre Arme, als könne sie sie dadurch beschützen. „Es ist das nur eine leere Drohung des Oberamimaunes, die er nicht ansführen wird." „Ich habe ihn das erste Mal gesehen^" sprach Vlochner, „aber ich erkannte, daß er ein böser Mensch ist, der für Geld feine Eltern verkaufen, dem Henker ausliefern würde . . . . der Oberamtmann kennt kein Erbarmen."/ ' „Ich kann mir nicht denken," fuhr Lea hartnäckig fort, „daß man etwas Böses ansübcn sollte, wovon man keine» Nutzen hat. Was hat der Oberamtmann davon, wenn er Uns alle unglücklich macht?" **) Behördliche Bewilligung. Vlochner lächelte bitter. ' rl-u n i i - . „Dein-reines Herz kann die Absichten des Bösen nicht auffaffen. Ein grausamer Mensch findet sein Vergnügen darin, einen Andern zu quälen; — aber der Oberamtmann hat in diesem Falle noch einen andern Zweck, cs gibt auf unserer Herrschaft viele, darunter auch wohlhabende Juden, welche ohne Gudernialbewilligung geheirathet haben. Er will ein abschreckendes Beispiel an mir geben, damit dje Anderen sich um so williger die Haut vom Leibe ziehen lassen .... Er wird auf diese Weise ein großes Vermögen erpressen." ,! :: Lea dachte nach. - ' „Vater," sprach sie, „ich habe von meiner seligen Mutter einige Schmucksachcn, sie sind mir als Andenken meiner Mutter heilig; aber wenn Du mit diesen die Habsucht des Amtmanns befriedigen kannst, will ich sie gerne opfern . . . . ich habe sie drinnen in der Stube in meinem Schranke anfbewahrt; ich bringe sie herein." Sie wollte sich rasch erheben, Vlochner hielt sie zurück.; „Du würdest mir vergeblich ein Opfer bringen," erwiderte er traurig, „mit so Geringem begnügt sich Oberamtmann Arnsberg nicht." „Wie wär's, wenn Du den edlen Pfarrer Elisandcr um Fürsprache bitten würdest, der ist uns gewogen und wird Einfluß auf den ööfcu Beamten besitzen." „Auch diese Hoffnung ist eine vergebliche," antwortete Vlochner tiefaufseufzcnd. „Als ich gestern, Schmerz und Leid im Herzen, das Amtshaus verließ, eilte ich sofort zu meinem Gönner, dem hochwürdigen Herrn, erzählte ihm mein Unglück und bat um seinen Schutz. „Jetzt verstehe ich, was der böse Mensch heute am Morgen mit mir gesprochen," hatte er mehr wie im Selbstgespräche geantwortet. „Ich bedauere Sie, lieber Vlochner, aber helfen kann ich Ihnen beim besten Willen nicht, und wohl auch kein Anderer .... Sie werden den harten Schlag mit Gottvertrauen ertragen müssen."; , „Um Gotteswillen, was soll also geschehen?" schrie Eva, „wie können wir uns trennen? , wie, kann ich Dich alten, pflegebedürftigen Manu verlassen? Freilich Du hast Lea . „Lea wird mit Dir gehen .... Ich werde. Dich ja nicht allein in die Heimath ziehen lassen, wo Du Niemanden Ziast, der Dich kennt,. der sich: Deiner annimmt. Ich werde Alles, was ich noch besitze, meinen Kittel und mein Handel*), auch: *) Todtengewänder, die von den verheirateten Juden am Bersohnnngstage als Synagogentracht getragen werden.^