Mannheim
Compact Memory

Der Israelit · 1884-12-08 · Heft 97 (8.12.1884) · page 7

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Der Israelit
Volume
25 (1884)
Issue
Heft 97 (8.12.1884)
Date
1884-12-08
Page
– (sequence 7)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
93% known words query
IRI
…/2446951-2449406-2449497--21288-2510867
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

Bewilligung, wurde er als militärfiüchtig betrachtet und verfiel, wenn er ergriffen wurde, harten Strafen, oft. wurde auch der znrückbleibeude. Vater für den abwefenden Sohn zur strengsten Verantwortung gezogen. — Nichts ist schwerer zu ertragen als ein Nebel, gegen das mau machtlos ist. Das Gefühl tiefer Niedergeschlagenheit, das in diesem . kleinen Kreise herrschte, hatte sich zur vollen Uuertragbarkcit gesteigert, wenn nicht die tiefe Gottgläubigkeit, die damals bei den Juden herrschte, sie aufrecht erhalten hätte. Der allmächtige Gott konnte ja noch Alles zum Guten wenden, das Wie? vermochten sie allerdings nicht aufzufmdcn, aber in einzelnen hoffuuugsseligen Atomenten dachte David Auritz auch daran, daß ja eine Aenderung in der Staatsgesetzgebung eintreten, ein gütiger Monarch den harten Druck, der auf den Vekennern des mosaischen Glaubens lastete, anfhebcu könne. Zwei Jahre nach Davids Heimkehr, 1809, war zwischen Rußland und Oesterreich einer- und Frankreich anderseits der Krieg von Neuem ausgebrochen, die drei an dem Kampfe betheiligten Mächte spannten alle ihre Kräfte an, und in Oesterreich wurden alle tauglichen, jungen Männer der Armee eingereiht, und David wurde zu einem Dragonerregimente affentirt. — Das war für Vater, Mutter und Geliebte ein harter, schwerer Schlag .... Der Abschied des jungen Rekruten von den Seinen war ein tief erschütternder. Die Eltern segneten ihn, Lea hatte ihm ein Arbe-Kanfos *) genäht und mit thräncnden Augen und zuckenden Lippen mit der Versicherung überreicht, daß sie täglich, stündlich für sein Leben, seine Gesundheit, seine glückliche Rückkehr beten werde. Alle hatten ihn ermahnt, so oft alseben möglich, Nachrichten von sich zu geben. David Auritz war ein reichbegabter Mensch, er lernte den militärischen Dienst, das Reiten, Fechten, Schießen rasch. Da er gut schreiben und lesen konnte, Künste, die damals unter der bäuerlichen , Bevölkerung noch wenig verbreitet waren, erschien er seinen Vorgesetzten doppelt verwendbar; und da er verträglich und gutmüthig und ihm überdies vom gütigen Schöpfer auch die schöne Gabe verliehen worden war, sich bei Jederman beliebt zu machen, war er sowohl bei seinen Vorgesetzten, als bei seinen Kameraden wohlgelitten. Die erste Zeit, als David noch im Kantonnement ciuexercirt wurde, schrieb er häufig, und jedesmal wenn ein Brief von ihm anlangte, gab cj? einen Festtag; allein als sein Re- *) Ein viereckiges Stuck Zeug, das an den vier Enden mit Schanfädcn versehen ist, und das jeder sronnne Jnde unter den Obcrtleidern trägt. - ' giment weit' entfernt vom Heimathslande in" die Aktion trat, wurden die Briefe nnmer seltener, und die Angst um den geliebten Menschen, der täglichstündlich den Gefahren der Schlacht ausgesetzt war, eine stets steigende, die nur dann für kurze Momente unterbrochen wurde, wenn wieder einige Zeilen von ihm einlicfen. Im Juni desselben Jahres waren sie von einer angenehmen Nachricht überrascht worden. David schrieb ihnen, daß er die große Schlacht von Aspern und Eslingen, in welcher Napoleon vom Erzherzog Karl geschlagen worden, mitgemacht, im heftigsten Kugelregen gestanden und au dem den siegreichen Ausgang des Tages entscheidenden Angriff theilgenommen; — wie Gott mit ihm gewesen und während Hunderte neben ihm, vor ihm, hinter ihm zerschmettert auf dem Schlachtfelde lagen,' ~ er ganz unversehrt aus. dem Kampfe gekommen, und von seinem General zur Belohnung seiner Tapferkeit, namentlich aber weil er seinem Escadron-Commandanten, der sich in höchster Gefahr befand, das Leben gerettet, die Tapferkeitsmedaille erhalten. ■ ■ ■• Nach dem Schönbrunner Frieden hoffte David, daß er, wie viele andere Soldaten, entlassen und heiinkehren würde, aber man tränte dem „für ewige Zeiten" geschlossenen Frieden keine lange Dauer zu, die Eadrcs mußten erhalten bleiben, und da David Auritz, wie schon envähnt, des Lesens und Schreibens kundig war avancirte er zum Gefreiten, und wurde auch in der Kanzlei zu Schreiberdiensten verwendet. Erst voreinem Jahre, da er znm Korporal avancirt war nnd mit einem Transporte ausgemusterter Pferde in die Heimath zurückkehrte, hatte er die Erlaubnis; erhalten, nach Ausführung seines Auftrages einen vierwöchentlichcn Urlaub anzutreten, welchen er im väterlichen Hause verlebte. Sein Vater war während feiner Abwesenheit alt und schneeweiß, seine Mutter kränklich und hinfällig geworden. Lea erschien ihm reizender als je.;. David war von den Seinen mit endlosem Jubel, mit unsäglicher Rührung empfangen worden, und? in dem Momente konnten sie sich selig fühlen; aber dieser glückliche Zustand währte nicht lange. . ..... Lea war jetzt einundzwanzig Jahre , und ein Mädchen von ungewöhnlicher Schönheit. Sie hatte die Aufmerksamkeit eines jungen Mannes, Seligmann Blumbergcr, auf sich gezogen, welcher in der Lage war, sich einen Hcerd zu gründen und ihr eine angenehme Häuslichkeit zu bieten. Seligmann Vlumberger, der einzige Sohn des reichen Branntwcinhauspächters auf der angrenzenden Herrschaft/ hatte ernste, redliche Absichten, nnd ließ durch seinen Vater bei Lea's Pstegceltern um sie werben? — -

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.