Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 25 (1884)
- Issue
- Heft 95 (1.12.1884)
- Date
- 1884-12-01
- Page
- – (sequence 6)
- Language
- German
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zu Klage uud Beschwerde gegeben, je. ein Mensch solche harte — der arnie Mann unterdrückte gewaltsam eine weit schärfere Bezeichnung. — „Worte sagen, das; ich solche in so ruhiger Weise anhören könnte und wurde .... Sie kennen mich nicht, und Sie haben wie es allgemein heißt, lange außerhalb Böhmens gelebt, haben vielleicht schon als kleiner Knabe Ihre Heimath verlaßen, Sie kennen die Verhältnisse unseres Landes nicht Die würdige Frau, die Sie mit den niedrigsten, beschimpfcndsteu Namen bezeichnen, Herr Oberamtmann, ist mein vor Gott und Menschen angetrantes Weib, wir sind dreiunddreißig Jahre laug miteinander verheirathet, ich habe den hebräischen Trauschein noch aufbewahrt, er ist von einem würdigen und gelehrten Mann von unserem verstorbenen Kreisrabbiner unterfertigt .... Meine mir vor Gott und Menschen angetraute Gattin hat mir, und ich habe ihr die eheliche Treue gehalten, und kein Mensch auf der ganzen Welt darf es behaupten, vr» meinem Weibe etwas gesehen zu haben, was ihr im Allergeringsten zur Unehre gerechnet werden könnte .... Der Sohn, den sie mir geboren, ist ein braver Mensch, der jetzt als Soldat seinem Vaterlaude dient, und vielleicht in dem Momente," — ein leichter Schauer durchrieselte sichtbartich die Gestalt des hageren Mannes — „während Sie ruhig und bequem in Ihrem Zimmer ein Pfeifchen schmauchen, von einer Kugel getödtet oder was fast noch ärger wäre, zum. Krüppel gemacht wird. Ich habe es schon gesagt," fuhr Blochner ohne Unterbrechung fort, „Sie kennen unsere Landcsverhältnisse nicht, und wollen zwei Menschen, die aneinander angewiesen sind, zwei alte Leute, die keinen Tag ohne einander leben können, — aus Muthwillen, aus Grausamkeit voneinander reißen! .... Da Sie cs nicht zu wissen scheinen, wie so es kommen kann, daß Sie, Herr Oberamtmann, mir mit scheinbarem Rechte so harte Worte über mein braves Weib sagen können, will ich Ihnen das Unbegreifliche erklären, wie ich es aus dem Munde meines Vaters erzählen hörte .... Vor etwa siebzig Jahren herrschte in Oesterreich eine große, kluge Kaiserin; aber sie befaß böse, schlechte Rathgeber, Männer der Finsterniß und des Hasses: mib als Feinde, ich glaube es waren die Franzosen, einst nach Böhmen eindrangen, und es dann wieder verlassen mußten, da traten böse Menschen als Ankläger der Juden vor die Kaiserin und beschuldigten jene, sie hätten sich mit den Feinden des Reiches verschworen, und cs ward von falschen Rüthen vorgeschlagen, die Juden, aus Böhmen und Mähren zu vertreiben und die Finster- 15Q4 niß des Haffes siegte diesmal über den hellen Geist der Kaiserin uud sie. unterfertigte das ihr vorgelegtc Ausweisnngsdekret der Juden aus Böhmen. Die böhmischen Landstände erklärten, in einer allerunterthänigsteu Eingabe an die Kaiserur die Ausweisung der Juden als ein schweres Unrecht an diesen und als ein großes Unglück für dich ganze Land, auch ein edler, hoher, katholischer Kirchenfürst verwendete sich für die Unschuldigen, die böhmische Judcuschast schickte eine Deputation nach Wien — allein noch weit wirksamer als alle diese nnterthäuigeu Bitten waren die gewichtigen, ernsten Vorstellungen der fremden Mächte, namentlich Englands und Hollands .... Die kluge Kaiserin nahm das Answeisungsdekret zurück, aber einen Sieg hatten die bösen Rathgeber doch gewonnen, die Zahl der jüdischen Familen sollte stets eine gleiche bleiben, sie sollte sich nicht vermehren, nur der erstgeborene Sohn eines Erstgeborenen erhält die Gubernialbewilligung zur Verehlkchung. Das Gesetz ist . . . ." wieder wollte Blochner einen schärferen und richtigeren Ausdruck wählen, aber er fuhr nach kurzem Bedenken fort, „ein hartes, ein sehr hartes, und hätte der große Kaiser Josef länger gelebt, er hätte das Gesetz aufgehoben, aber so besteht es leider noch immer! .... Die Juden sind, das müssen uns selbst unsere ärgsten Feinde einränmen, sittliche Menschen, es gibt hier in der ganzen Gegend weit und breit keine jüdischen Ehegatten, die sich einander nicht treu wären, oder, die mit einander kn Unfrieden leben. Wilde Ehe», in dem richtigen Sinne des Wortes, gibt cs bei den Juden nicht-; aber da nur ein Theil derselben Erstgeborene sind, und dieses Staatsgesetz gegen Gottesrccht und die Natur verstößt, lassen sich auch jene Juden von ihrem Rabbiner nach dem Gesetze Moses und Israels trauen, denen es nicht möglich ist, vom böhmischen Landesgubereium die Ehebewilligung zu erlangen . , . . und die Menschen und die Beamten find milder als das Staatsgesetz. Ich bin über dreiunddreißkg Jahre nach jüdischem Ritus mit meinem treuen Weibe verbunden, und noch me hat mir's ein Mensch zum Vorwurf gemacht, nicht fühlen lassen. Ihr Vorgänger, der Herr Oberamtmann Krause, hat mir seine Gunst geschenkt, unser würdiger Herr Pfarrer Elisander . .. In dem tiefen Schmerze einer verwundeten Menschensecle offenbart sich oft die beleidigte Majestät des gottähnlichen. Wesens und diese pflegt häufig, wenn auch Nur für eine kurze Zeit, auch dem Nichtswnrdigsten, dem Verderbtesten zu kmponiren. Einen Augenblick beugte sich auch Arnsberg vor denr Aufschrei des in seinem Liebsten auf