Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 25 (1884)
- Issue
- Heft 94 (27.11.1884)
- Date
- 1884-11-27
- Page
- – (sequence 19)
- Language
- German
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Tode verurtheilte Verbrecher war slliemand anders als der einzige Sohn seines Lebensretters. — Prinz Friedrich ergriff eine silberne Schelle, die ans dem Tische stand und setzte sie in Bewegung. — Der Kammerdiener trat ein. — „Ankleiden!" rief der Prinz, „und anspannen!" H. In einer Gefängnißzelle saß Moses Hirschmann. (5s war gegen Abend, und nur noch eine Nacht sollte er auf Erden weilen; in der Frühe des kommenden Morgens drohte ihm der Tod durch Henkershand. Neue zerwühlte sein Herz, Nene über sein verfehltes Leben. Als einziger Sohn seiner Eltern war er gründlich verzogen worden. Bald traten die Folgen der verfehlten Erziehung zu Tage. Zu spat suchte der rechtschaffene Vater die wilden Leidenschaften des Jünglings einzudämmcn. Täglich kam es zu Eonflictcn zwischen Vater und Sohn. Da beschloß der junge Mann, heimlich seine Eltern zu verlassen. Als er einst für seinen Vater eine größere Summe einkassirt hatte, entsloh er und ging nach London. Bald hatte er die englische Sprache erlernt und - fand eine Stelle in einem größeren Bankhansc. Allein, sein Einkommen genügte nicht, den Aufwand, den er machte, zu decken und seine kostspieligen Leidenschaften zu befriedigen. Da verfiel er auf den unglücklichen Gedanken, die Unterschrift seines Principals nachznmachcn und in dessen Namen Wechsel auszuftcllen. Ter Betrug kam bald an den Tag; der junge Mann wurde verhaftet, überführt, und nach den damaligen Gesetzen zum Tode durch den Strang vcrurthcilt. Jetzt bereute der Unglückliche, was er gethan, und eine unendliche Sehnsucht nach seinen alten Eltern ergriff sein Herz. — „0," sprach er vor sich hin, „wenn Gott mich retten möchte — ich wollte ein neues Leben beginnen, ein anderer, besserer Mensch werden. Allein, warum sollte Gott mich retten wollend Habe ich doch Seine heiligen Gebote verletzt und gethan, was böse ist in Seinen Augen. Ach, nicht meinetwegen wünsche ich die Verlängerung meines Lebens, sondern um meiner alten, bcdaucrnswerthcn Eltern willen. Wie wird der Kummer ihr Herz zernagen, wenn sie die schreckliche Kunde erhalten, daß ihr Mziges Kind den Tod des Verbrechers gestorben!" * Der Gefangene legte sich auf die Holzbank nieder, um zu schlafen; aber der Schlaf floh seine Augen. Unendlich lang, wurde ihm die Nacht. Als der Morgen graute, erhob er sich von seinem hatten Lager, wusch sich Gesicht und Hände und legte die Tepyiüin an, um das Morgengebet zu verrichten. Nachdem er in heißer Andacht gebetet hatte — er war gerade im Begriff, die Tcphittin abznlegen — wurde die Thüre geöffnet, und hereintrat — nicht der Henker, sondern ein vornehmer Hofbeamter, ein Bote des Regenten. „Gefangener," sprach dieser, „Seine.Königliche Hoheit, der Regent, haben allergnädigst, geruht, auf die Bitte des Prinzen Friedrich von H. Euch unverdiente Gnade zu Thcil werden zu lassen. Ihr seid frei, müßt aber sofort diese Insel verlassen. Zwei Polizisten werden Euch nach Dover begleiten und Euch dort auf ein nach Hamburg abgehcndcs Schiff bringen. Prinz Friedrich schickt Euch diesen Beutel mit fünfzig Guineen, damit cs Euch an Reisegeld nicht fehle und Ihr zu Hanse auch einen Anfang habt, um ein Geschäft zu begründen und Euch redlich zu ernähren. Lebt Euer Vater noch?" „„Er lebt,"" stammelte Hirschmann. „So sagt ihm im Namen des Prinzen, deine Durchlaucht habe ihn nicht vergessen und. seinen einzigen Sohn vom Tode errettet, wie er selbst einst dem-Prinzen das Leben erhalten." \ Keine Feder ist im Staude, die Freude/ der Eltern zu schildern, als ihr einziges Kind reuig und gebessert zu ihnen zurückkehrte. Moses hielt das Versprechen, das er sich im Gefängnisse gegeben; er wurde ein fleißiger, tüchtiger Mensch. Durch strenge Rechtlichkeit erwarb er sich bald das Vertrauen seiner Mitbürger, und das von ihm gegegründete Geschäft blühte rasch empor. Moses bestrebte sich, den Lebensabend seiner Eltern zu verschönen und sie für all den Kummer zu entschädigen, den er ihnen einst verursacht hatte. Er nahm ein braves Weib, und die Eltern erlebten noch die Freude, sich von einer Schaar munterer und wohlerzogener Enkel umgeben zu sehen. Als Prinz Friedrich von seiner großen Tour durch Europa nach Jahren in die Hcimath znrückkchrte, war Moses Hirschmann bereis ein wohlhabender, hochangesehener Mann. Dieser hatte nichts Eiligeres zu thnn, als sich dem Prinzen vorznstetlen, um ihm persönlich für die Rettung seines Lebens zu danken. Der Prinz sah mit Wohlgefallen, daß seine rettende That gute Früchte getragen, und als er von allen Seiten die strenge Rechtlichkeit und die . große Wohlthätigkeit des von ihm Geretteten rühmen hörte, empfahl er ihn seinem Bruder, dem regierenden Fürsten, der bald nachher Moses Hirschmann zu seinem Hosbanquier ernannte. In dieser bevorzugten Stellung gedachte Moses der Noth und des Elends seiner Jugendzeit. Er ging in die Gesang-