Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 25 (1884)
- Issue
- Heft 92 (20.11.1884)
- Date
- 1884-11-20
- Page
- – (sequence 10)
- Language
- German
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1516 Kremer-Brech e r-St ö cke r zum Siege zu verhelfen; jeder Kandidat sprach fast allabendlich drei. bis vier Mal vor „seinen" Wählern. Hofprediger Stöcker donnerte in „seinem" Wahlkreise unermüdlich hetzend gegen den „Juden Singer," mit den Socialdemokraten wurde geliebäugelt, und jeder der drei Kandidaten versprach täglich den Arbeitern alles Mögliche und Unmögliche, um sie zu gewinnen. Die Antwort des socialiftischen „Bert. Vrlksblatt" lautete: „Jede für Stöcker abgegebene Arbeiterstimme wäre ein unauslöschlicher Schandfleck auf dem Ehrenschilde der socialdcmokratischen Partei," die Arbeiterführer sprachen sich in ähnlichem Sinne aus, Herr Singer hielt gegen Stöcker eine fulminante Rede, in der er es als eine Schmach erklärte, wenn eine einzige socialistische Stimme auf den. „Verleumder im Dakar" fiele. Der 13. November nahte und die freisinnigen Kandidaten siegten mit großer Majorität. Sowohl Herr Brecher, der unlängst erklärt hatte, „jeder wahre Conservative müßte mit einem Tropfen antisemitischen Oeles gesalbt sein," als auch Herr Cremer, der bis an sein Lebensende der „nationalen Sache" treu zu bleiben gelobte, wie schließltch der „Hofprediger" fielen glänzend durch, die Feinde des Lichtes waren überwunden, der Apell an die niedrigsten Begierden war wirkungslos verhallt. Sticht mit Unrecht sagte Stöcker Freitag Abend zu seinen christlich-socialen Gesinnungsgenossen: „Meine Herren! Nicht die deutsch-freisinnige Partei, sondern das Judenthum hat bei der gestrigen Stichwahl gesiegt." Ja , die Idee der Toleranz hat hier triumphirt, die freisinnigen Bürger Berlins haben durch die Wahl eines Birchow, Richter und Munket bewiesen, daß in der Stadt der Intelligenz für Dunkelmänner und Hetzpriester kein Reichstagsmandat zu holen sei, da« freisinnige Bürgerthum Berlins hat durch diese Stichwahl einen lebendigen Protest eingelegt gegen die schamlose, systematische Verhetzung, welche gegen die jüdischen Mitbürger seit sechs Jahren, von angeblich „gebildeter" Seite betrieben wurde. Die Niederlage der drei antisemitischen Kandidaten war die beste Antwort auf die verwerfliche Handlungsweise jener Hetzapostcl. Wenn auch keineswegs anzunehmcn ist, daß diese schmachvolle Agitation nunmehr plötzlich verschwinden werde, so ist der Ausfall der diesmaligen Neichstagswahlen doch eine frohe Verheißung für die Zukunft, indem, er uns hoffen läßt, daß in nicht ferner Zeit alle jene Amalekitengestalten in das Dunkel zurücksiuken werden, in das sie gehören. Zeitungsnachrichten und Correfpondenzen. Deu t s chlan d. Gau-Algesheim, 18. Nov. Der isr. Religionsunterricht wurde schon seit geraumer Zeit in dem Saale der städtischen Bürgerschule ertherlt» damals auf Anordnung des Herrn Kreisrathcs Spanier in Bingen. Auch am Sonntage durste daselbst unterrichtet werden. Anders jedoch der hiesige Gemeinderath. Er suchte darzuthun, daß der Sonntagsuuterricht eine Entheiligung des gen. Tages sei, au welchem gewiß durch den Hin- und Hergang der Kinder eine Störung eintreten könnte. Ausgerüstet mit diesen Gründen petitionkrte er an die Großh. Hess. Kammer in Darmstadt und siehe da! eines schönen Tages ward dem dortigen Lehrer der Bescheid, den Sonntagsunterrkcht aussallen zu lassen. Der Unterricht wird nun in einem andern Lokale ertheilt. Auf Eingabe des Vorstandes hat das löbl. Kreisamt in Bingen angeordnet, sämmtliche isr. Kinder der Bürgerschule am Samstage, während der Synagoge vom Unterricht zu dispensiren, damit dieselben den Gottesdienst besuchen können. Frankfurt a. M., 16. Nov. In Bezug auf die in Ihren geschätzten Blatte erwähnten, bedauerlichen Selbstmorde erlaube ich mir berichtigend zu bemerken, daß dieselben nicht an einem Tage, auch nicht am Sabbat stattfandeu. Das eine traurige Ereigniß geschah am Sonntag, das andere am Montag. Elijahu. Gelnhausen, 16. Nov. Die Kunde von dem entsetzlichen Hanauer Eisenbahnunglücke ist in die weitesten Kreise gedrungen, und Ihren Lesern wird ailch die Thatsache bekannt sein, daß sich unter den vielen unglückliche» Opfern desselben auch vier brave Jehudim befinden. Auch unsere Gemeinde wurde leider sehr hart betroffen. Es verunglückten Herr Nathan I. Goldschm idt von hier und Frl.Regina Rosenthal aus Burg-Gelnhausen: Die Leichen wurden hierher uberführt und heute Nachmittag unter ganz großartiger Bctheiligung säst aller hiesiger Einwohner und' der . der benachbarten Plätze der Erde übergeben. Es war ein erschütterndes, seit Menschengedenken hier nicht dagewefenes Ereigniß, zwei a-m in einem Leichenbegängnisse der Erde überführen zu sehen; m"pn möge unsere Zukunft in Gnaden vor solchen Aufregungen bewahren. , -