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Der Israelit · 1884-11-20 · Heft 92 (20.11.1884) · page 9

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Journal
Der Israelit
Volume
25 (1884)
Issue
Heft 92 (20.11.1884)
Date
1884-11-20
Page
– (sequence 9)
Language
German
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XXV. Jahrgang? Srilimr ru Nr. 92 des IsraeM Leitender Artikel. Me deutschen Hteichstagswahlcn. Berlin, 16. November. Die deutschen Reichstagswahlen sind beendet. Wenn wir auch als Juden dem politischen Treiben fernstehen, weil wir keine Sonderinteressen zu vertreten haben, so war gleichwohl diesmal der Ausgang des Wahlkampfes insofern von weittragender Bedeutung, als uns derselbe die Erfolge resp. Mißerfolge der sog. antisemitischen Bewegung klar vor Augen stellte. In dieser Beziehung nun können wir -mit dem Ausfall der Wahlen recht zufrieden sein. Allerdings sind zwei Antisemiten vom reinsten Wasser, Hartwig in Dresden und Stöcker in den Reichstag gesandt worden, und zwar letzterer mit Hilfe seiner „nationalliberalen" Freunde in Siegen. Auf den ersten Anschein könnte man meinen, daß die Nationalliberalen durch diese treulose Verleugnung ihrer liberalen Gesinnungen in das Lager des Mannes abgeschwenkt wären, welcher seit sechs Jahren sich darin gefällt, das Evangelium des Haffes zu predigen und die niedrigsten Leidenschaften des Pöbels gegen friedliche Bürger wachzurufen/ Es ist allerdings wahr, daß Nationalliberale nicht nur in Siegen Herrn Stöcker thatkräftigst unterstützt, sondern auch an andern Orten in der niedrigsten Weise gegen die Inden agitirt haben; daß jedoch diese gehässige Intoleranz im eigenen Lager nicht nur keine Billigung gefunden, sondern die tiefste Entrüstung hervorgerufen beweist das Urtheil des nationalliberalen „Hannover'schen Courier" über die Gesinnungslosigkeit seiner politischen Freunde. Das einflußreiche Blatt schreibt: „Die Stichwahl in Siegen hat Herrn Stöcker als Sieger hervorgeheu lassen, nachdem eine Anzahl von bisherigen Mitgliedern der nationalliberalen Partei in der Verbitterung gegen die Fortschrittspartei so weit gegangen war, jenen Hofprediger zu empfehlen, dessen auf der Gasse gepredigte Lehre namentlich auch in den Gemüthern der Jugend das verderbliche Gift der Unduldsamkeit auf konfessionellem Boden hinter.läßt; der sich nicht entblödet, inden niedrigsten Redewendungen die Gegner seines kirchlichen Unfehlbarkeitsdünkels zu beschimpfen; dem nicht die Aufklärung, sondern die Verblendung nothleidendcr Berufsklaffen, Selbstzweck aller politischen Umtriebe zu sein scheint. Diesen Mann wählen und empfehlen zu können, erfordert nach unserer Ansicht eine vollständige Verleugnung der liberalen Vergangenheit. Wir glauben nicht zu irren, daß dieselbe Ansicht in der nationalliberalen Partei die allgemein maßgebende ist; und wir wissen bestimmt, daß Herr v. Bennigsen in der unzweideutigsten Form sein Bedauern über das Vorgehen der nationalliberalen Genossen in Siegen ausgesprochen hat." In gewisser Beziehung kann es uns ja nur angenehm sein, daß Herr Stöcker noch bei der Stichwahl einen Sitz im Reichstag erhalten hat. Denn einerseits wird sich der verehrte Herr Hofprediger, da er sich doch im Parlament in anständiger Gesellschaft befindet, eine Reserve im Ausdrucke aüferlegen muhen, die er bei seinen Deklamationen vor seinen „Getreuen" in den bekannten Bierlokalen außer Acht läßt, und dann werden sich ja im Reichstage Männer.'finden,-welche die Stöcker'schen Wuthausbrüche auf das richtige Maß zurückführen dürften. Zehnfach wird jedoch die Wahl Stöckers und seines obscurcn Gesinnungsgenossen durch die eclatante Niederlage ausgewogen, welche der Herr Höfprediger und seine Freunde hier in Berlin erlitten haben. Schon die Berliner Wahl am 28. Oktober war ein vernichtender Schlag gegen den Antisemitismus: Die beiden jüdischen Kandidaten, Ludwig Löwe und Paul Singer, gingen allein als Sieger aus der Wahlurne hervor. Die Bestürzung des Antisemitismus zumal über den Sieg Lowe's war eine um so größere, als die gesammte Heeresmacht aufgeboten worden war, um den ersten Wahlkreis zu erobern; sämmtliche Ministerien und große Beamtenkreise liegen in diesem Bezirke, doch weder die Dutzende Reden des antisemitischen Kandidaten noch die Wühlereien seiner Freunde waren von Erfolg begleitet; Professor Adolf Wagner, der „verehrte Freund" Stöcker's, siel schon beim ersten Wahlgange glänzend durch, ein gleiches Schicksal hatte dieser Herr im Kreise Osthavellaud, und damit verschwand ein Antisemitenführer von der Bildfläche. Diese Schmach mußte gerächt werden. Alle Hebel wurden in Bewegung gesetzt, um bei der Stichwahl dem edle» Trifolium

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