Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 25 (1884)
- Issue
- Heft 92 (20.11.1884)
- Date
- 1884-11-20
- Page
- – (sequence 6)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 93% known words query
- IRI
…/2446951-2449406-2449492--21174-2510748- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
1512 ebenso wagen es die Mitglieder der nach Tanger abgegangcnen Deputation nicht, nachdem ihre Schritte erfolglos gewesen, ans Furcht, daß der Gouverneur wegen ihres unternommenen Schrittes Rache an ihnen nehmen werde, in ihre Hekmath znrückzukehren. Sollten die Vertreter der europäischen Machte, angesichts solcher Ausschreitungen, in Wirklichkeit ruhig zufehen, wie unschuldige Menschen auf die martervollste Weise gepeinigt werden? Wir geben uns der Hoffnung hin, das; die All. Jsr., die Angl. Jewish Assoc. die Aufmerksamkeit der europäischen Mächte auf dieses barbarische Treiben in Marocco richten und durch diese eine Aenderung dieses traurigen Zustandes herbeiznfuhren bemüht sein werden. Feuilleton. Der Gourier. Historische Erzählung von I. K o h n. (Verfasser von .Gabriel.") (Fortsetzung.) „Sie habell immer Recht, Hochwürden, und ich werde Ihrem weisen Rathe folgen. Ich ließ schon gestern wieder robotten und werde heute mehreres vornehmen, nm die auf diesen Herrschaften leider sehr gestörten und ungeordneten Verhältnisse wieder in's richtige Geleis zu bringen. Ich bin erst seit wenigen Monaten hier und habe bei der Uebernahme meines Amtes viele Nngehörigkeiten vorgefunden. Mein unmittelbarer Vorgänger, Oberamtmann Krause, war zu milde, zu sanft, hielt die Autoritätder Obrigkeit nicht streng genug aufrecht. Ich habe viele Unzukömmlichkeiten, ja ich kann sagen Gesetzlvidrkgkeiten vorgefunden, welche nur mit Strenge ansgerottet werden können. Der Bauer hat sich seit der unseligen französischen Revolution zu fühlen begonnen, er will nicht mehr so pariren wie früher. Mein Vorgänger hat zu wenig Energie entwickelt, diese Bagage muß mit dem Stocke, nicht mit süßen Worten regiert werden, jener ist das beste Lehrmittel zur Bauerndressur." Der Pfarrer hatte den Amtmann mit großer Aufmerksamkeit und mit steigender Aufregung angehört, eine leichte Zornesröthe flammte in seinen edlen Zügen auf. „Herr Oberamtmann!" sprach er und stemmte den Stock kräftig auf den Boden, „ich höre diese Ihre Anschauung geradezu mit Schrecken! Sie sind in einem schweren und gefährlichen Jrrthume befangen. Ich kenne die Bewohner unserer Dörfer weit bester als Sie, ich lebe schon ein volles Halbjahrhundcrt in ihrer Mitte und habe weit bessere Stellen ansgeschlagcn, bloß weil ich mich nicht von meinen Pfarrkindern trennen wollte.. Hier wohnt im Ganzen ein guter Menschenschlag, der sich leichter durch Milde, als durch Strenge und Härte leiten läßt, diele erbittert nur und kann übel angewendet, auch : : von Natur fügsamen Menschen zum eigensinnigstcu Starrkopf umwandeln. Ihr Vorgänger hat es fast gar nicht nöthig gehabt, von dem Stocke, den Sie als so heilsam schildern, Gebrauch zu machen." „Es gibt eben verschiedene Mittel zur Erreichung eines Zweckes. Mein Vorgänger, den Sie mir gewissermaßen zum Muster anfftellen, scheint denn doch nicht die richtiger! gestruden zu haben. Unser grindiger neuer Grundherr, oder was in gewissein Sinne dasselbe ist, fein Herr Bevollmächtigter, scheint von den Verhältnissen, die er ans den Herrschaften vorgefunden, nicht sehr erbaut gewesen zu sein, denn er hat ja meinen Vorgänger entlassen nnd die Gnade gehabt, mir die dadurch erledigte Stelle zn verleihen. Ich mutz es mit scharfer Betonung wiederholen, es ist hier auf der Herrschaft eine förmliche Verwilderung, eine schreckliche Sitterrlosigkeit eingerissen. Mein Vorgänger hat die öffentliche Mißachtung der Staats-, ja sogar der allgemeinen Moralgesetze geduldet, sie dadurch gewissermaßen sanktionnt. Es muß mit starker Hand Ordnung geschafft werden." Der Pfarrer blickte überrascht auf, er dachte einen Augenblick nach, dann sprach er mit Würde: „Daß ich Sittenlosigkcit und öffentliche Mißachtung des Staats- und Moralgesetzes nicht billige, werden Sie wohl nicht bezweifeln; Mein ich muß es offen gestehen, daß mir, trotzdem ich mit den Verhältnissen der ganzen Gegend vollkommen vertraut bin, nie etwas derartiges vorgekommen ist." Der Amtmann wollte erwidern, aber das mit Lebhaftigkeit geführte Gespräch wurde unterbrochen, ein Fremder, dem ein Bauernknecht, die Mütze in der Hand, demüthig voranschritt, erschien an der Biegung des Weges, näherte sich rasch dem Amtmann, lüstete seine Reisemütze nachlässig zum Gruße und sprach mit ftemden Accente und kn schlechtem Deutsch. - . ^. ' ' . ' — „Man bezeichnet Sie als Oberamtmänn dieser' Herrschaft, sino Sie es in der That?" ';• v-' .. , Der Obcramtmann, offenbar von dem geringschätzigen Benehmen des Fremden verletzt, musterte ihn eine längere Zeit Er sah einen Mann von' etwa zwei-, dreiunddreißig Jahren von mittlerer