Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 25 (1884)
- Issue
- Heft 91 (17.11.1884)
- Date
- 1884-11-17
- Page
- – (sequence 9)
- Language
- German
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XXV. Jahrgangs " SkUagr?il Nr. 9t ürs Isrnelit. Leitender Artikel. Aeußenmgen hervorragender, nichtjüdischer Zeitgenossen über die sogenannte Jndensrage. II. Mainz, 12. November. Etwas länger müssen wir bei dem Briefe des Herrn Gerhard von Amyntor verweilen. Derselbe hat sich in seinen gediegenen Werken vielfach als vornrtheilsfreier Denker und Dichter bewährt; umsomehr ist es uns Pflicht, auf die Vorwürfe zu achten, die er uns macht. Das von ihm an Herrn Singer gerichtete Schreiben lautet, wie folgt: j Potsdam, 28. Avril 1884. Hochgeehrter Herr! Siehabrn mir die irljre erwiesen, mir Ihre Schrist „Sollen die Juden Ehristen werden?" sreundlichft zuzufenden, und ich beeile mich Ihnen heute, wo ich die Abhandlung in einer Iülle von Arbeit und körperlicher Beschwerde schnell dnrchgelcscn habe, meinen ergebensten Dank sur Ihre Ausmerksamkeit auszudrücken. Mit Vielem bin ich dtlrchaus einverstanden, über Manches liestc sich ja disculiren. Aber Eines niust ich hervorhebcn: Wenn ich in New-Aork über die Etraste ginge und ich fände dort einen katholischen Deutschen, der von einenr protestatttischen Yankee tmgerechrer Weise niedergeschlagen würde, so würde ich, wenn gleich ich selbst Protestant bin, sofort dem Bedrohten beispringeu, weil er als Deutscher mein Landsmann ist. Arhnlich must meiner Ansicht nach der Jude entpsinden, er darf sich tiicht als Mitglied einer jüdischen Nation, soudeni er muh sich als Mitglied derjenigen Nanon fühlen, der er durch Geburt angehört, Es darf also keine «deutschen Juden" mehr geben, sondern nur „jüdische Deutsche" ebenso wie cs keine deutschen Protestanten, sondern nur protestantische Deutsche gibt. So lange der Jude noch eine Natioti innerhalb einer andern Nation bilden will, so lange wird der Antisemitismus nicht entwaffnet werden und ans dieser Ursache eine seiner schärfsten Angrisfswassen schmieden. Gin anderer Gnind für den Antisemitismus liegt in der nicht zu leugnende:: Taktlosigkeit und Anmaßung, mit der gewisse wiyboldige. Endliche Journalisten gegen christliche Einrichtungen und Personen vielfach in der Presse vorgegangrn sind und vorzugchen fortfahren. Sie werden mir zugeben, daß so unglücklich veranlagte Federhclden die Kluft zwischen Ehrist und Jude iinnrer mehr erweitern, statt sie mit den Werken sittlich — tüchtiger Geistesarbeit auszufüllrn. Es haben sich ehrenwertste Juden mir gegenüber oft bitter über eine gewisse jüdische Presse beklagt und sie als eine Hauptursache der christlichen Abiieigung gegen alles Semitische bezeichnet. Ich weih nicht, geehrter Herr, wir es damit bei Ihrien in Wien steht, ich räume aber bereitwillig ein, daß bei uns in Norddcutschland in dieser Hinsicht wirklich Grund genug zur Klage vorhanden ist, und ich wünsche von Herzen, dast der wahrhaft gebildete i heil der Inden seine eigene Presse in bessere Jucht nehmen inöge. Im Nebrigeu venraue ich der siegenden Zkraft deü Bibelwortes: „Liebet euch unter einander!" Hochachtungsvoll Gerhard v. Amyntor. In Bezug auf den ersten Vorwurf, den Herr v. Amyntor uns macht, haben wir zu bemerken, daß derselbe uns nicht gerechtfertigt erscheint. Sämmtliche deutsche Juden lieben ihr deutsches Vaterland und haben ihren Patriotismus bei den verschiedensten Gelegenheiten stets bewährt. Wie sollte cs auch anders sein? Die Liebe zum Vaterlande ist dem Menschen angeboren uiie die Liebe zu Vater und Mutter. Selbst in den Zeiten der französischen Occnpation im Anfänge dieses Jahrhunderts zählten die deutschen Inden zu den besten Patrioten, was -um so mehr anzuerkennen, da die Franzosenherrschaft die schwerwiegenden Fesseln, mit denen die deutschen Inden damals belastet gewesen, gebrochen hatte. Als im Jahre 1815 die alten Bedrückungen und Beschränkungen wieder eingeführt wurden, konnte auch - diese traurige Erfahrung den Patrivtisnlus unserer Eltern lind Großeltern nicht abschwächen. — Bei ben jüngsten Neichstagswahlen hat cs sich wiederum gezeigt, daß die deutschen Juden nur ihrer politischen Ueberzeuguug gemäß wählten und sich durch andere Gründe nicht bestimmen ließen. Bei den Agitationen der verschiedenen Parteien standen häufig Inden gegen Inden, und als , um nur ein Beispiel anzuführen, es in Hessen einigen Juden in den Sinn kam, an ihre .Glaubensgenossen zu Gunsten der Deutschfrcisinnigen gegen die Nationalliberalcn eine Ansprache zu richten, in welcher der spezifisch-jüdische Standpunkt hervorgehoben wurde, da wiesen andere, und zwar hervorragende Juden diese Znmnthnng mit. aller Entschiedenheit zurück. Auch hier in Mainz, bei der Stichwahl, haben die Einen für den Eandidaten der Centrumspartci, die Andern für den Socialdemokraten gestimmt, die Dritten dagegen sich der Wahl enthalten, genau so wie ihre christlichen Mitbürger. Wann haben jemals die Inden in Deutschland eine unpatriötische Gesinnung an den Tag gelegt oder gar durch Thaten knndgegeben?