Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 25 (1884)
- Issue
- Heft 89 (10.11.1884)
- Date
- 1884-11-10
- Page
- – (sequence 10)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 97% known words query
- IRI
…/2446951-2449406-2449489--21123-2510694- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
1468 dischen Welt — den man nun doch einmal nicht umgehen kann — darf nicht spccifisch Jüdisches enthalten, höchstens die — „Zehn Gebote," die haben ja die Bekenner der christlichen Konfession. Doch nein, die Zehn Gebote! Da steht ja so etwas wie: Man darf am Sabbat keinerlei Arbeit verrichten! Nun, so läßt man das weg, läßt Neun — gerade sein. Außer diesen — hm! — „Zehngebot" wird den Kindern viel von Nächstenliebe, von Duldung, von Tugend und — Moral gesagt. Und da endlich hat man ein großes Feld. Das ist doch sicherlich Religion, ohne doch — wie hübsch! — Die ausgeprägt jüdische Form an der Stirn zu tragen. Da kann man ferner von den Eigenschaften Gottes, die ja unzählbar sind, Lehren, so daß sich ganz gut die ganze Zeit des obligatorischen Religionsunterrichtes damit aussüllen läßt. Ein Bischen biblische Geschichte kann auch nichts schaden, und zum Ueberfluß — und damit auch dem Judenthum gerecht zu werden — dürfen die Kinder auch ein wenig Hcbräischlesen lernen, das ja, wie die eigene Erfahrung die um ihrer Kinder religiöse Erziehung so ängstlich besorgte Eltern belehrt, kaum gelernt aus Mangel au praktischer Uebung, wieder vergeffen wird. In manchen Kreisen, wo man eben den heutigen Verhältnissen gar nicht genug Rechnung zu tragen vermeint, dürfen die Kinder, abgesehen von diesem Religionsunterricht, nichts weiter von einer jüdischen Coufession erfahren. Freilich, so sorgfältig kann man, leider! die Kinder vor der Berührung der Außenwelt nicht schützen, daß sie nicht doch noch an ihre Confessio» erinnert werden, und gerade von der Seite, von welcher man es am wenigsten erwartete. Ein anderer, nicht minder großer Kreis solcher Inden, die sich gerade nicht schämen, Juden zu sein, ist doch ziemlich gleichgiltig und lässig tu Bezug auf die religiöse Erziehung ihrer Kinder. Man erkennt auch dort nicht eine Pflicht an einer Erziehung zur Religion und auf dem Boden der Religion; man will auch dort nicht gesetzestreue, wahrhaft religiöse Kinder; man ist besorgt wegen der Folgen. Darum unterläßt man es, die zarten Kinder an Pflichten zu gewöhnen, die auch sie schon erfüllen sollen, wenn anders die Uebung der Gesetze ihnen einst in Fleisch und Blut übergehen soll. Man hat keine Zeit und nicht den ernsten guten Willen, die Kleinen an die Segenssprüche beim Genüsse von Speise und Trank consequeut zu gewöhnen. Hebraischtesen und ein Bischen L'nn-Uebersetzen genügt ihnen vollständig, aber, daß die Kleinen auch täglich beten, sich üben und an ihre Pflicht gewöhnen, wird selten von ihnen verlangt. Die tteberbürdung mit Schularbeiten muß meistens als Entschuldigung herhalten» als wenn wirklich m den ersten Schuljahren die Schule so große Anforderungen an die Kleinen stellen würde. Am Sabbat achtet man nicht auf die Kleinen, läßt sie Alkes thun, was verboten ist, schneiden, zerreißen abpflücken, weil sie es ja noch nicht wissen, noch keine Sünde damit begehen. Wieder die Ausrede, die Kinder verstehen» noch nicht! Aber „Jung gewohnt, alt gethan" ist hier in doppelter Beziehung zu beheWgen, und wenn die Kinder auch noch nicht sündigen, so sind die Eltern doch dafür verantwortlich. Dasselbe gilt auch, wenn man die Kleinen Verbotenes genießen läßt, es ihnen nicht wehrt. Endlich — und das ist noch das Schlimmste — drückt man vielfach nicht nur ein, sondern beide Augen zu, wenn man aus Besorgniß für die Zukunft vorgeblich einer Nothwendigkeit nachgibt und die Kinder dem offenen nnr 5v?-n in die Arme fuhrt, diesem Moloch der heutigen jüdischen Welt. Nicht nur, daß die Kinder dann am Sabbat arbeiten müssen, wenn sie in ein Geschäft kommen, das den Sabbat und die jüdischen Feiertage zu Werktagen degradirt, sie werden damit in einen Kreis eingeführt, wo der Mensch beim Geschäftsmanne anfängt und auch aufhört; wo man verlacht wird, wenn man '.eine Ausnahme von der dort herrschenden Regel machen will und vielleicht ein belegtes Brödchen, das man sich vom Schweinemetzger oder in der nächstbesten Wirthschast geholt, als noiE erklärt; wo ferner jeder Halt verloren geht, und das Bischen, das man im Elternhause vor sich gesehen, das Bischen jüdische Erziehung, die man genossen, wie Spreu vor dem Winde zerstiebt. Vom Besuche des Gotteshauses kann selbst an den Feiertagen — von Samstag gar nicht zu sprechen — keine Rede sei», so daß der junge Manu nicht einmal die doch von den andern Juden so hochgepriesene, den eigentlichen Gottesdienst repräsentirende, einflußreiche Moralpredigt des Seelsorgers hören und beherzigen kann. Und so ist der Jüngling, fern vom Elternhause, nur mit Altersgenossen verkehrend, 31t einer Zeit, wo er der Verführung so leicht ausgesetzt, wo die Gefahren so groß, ganz allein, ohne Stütze, ohne Halt, ohne — Moral. Was Wunder also, wenn gerade die sich dem Kanfmannsstande widmende Jugend vielfach so wenig sittlichen Halt hat, für den denkenden Menschen ein oft so unerquickliches, bettübendes Bild bietet?! Viele Eltern wissen zu ihrem Leidwesen davon zu erzählen; aber, daß sie Mitschuldige sind, daß sie den Grund dazu gelegt, das sehen sie nicht ein. Aber die bloßen Vorwürfe, die sie sich machen, könne».nichM daran ändern. Darum, um vielleicht komrnenden Erziehern.