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Der Israelit · 1884-11-06 · Heft 88 (6.11.1884) · page 3

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Journal
Der Israelit
Volume
25 (1884)
Issue
Heft 88 (6.11.1884)
Date
1884-11-06
Page
– (sequence 3)
Language
German
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Aeöer ßrzicfnmg. Bon . Dr."H. Sänger. I. lieber Erziehung kann niemals genug gesprochen und geschrieben werden, da jeder Tag neue Schüler bringt, neue Erzieher in ihren Beruf einführt, die Eltern, welche die natürlichsten und geeignetsten Erzieher ihrer Kinder sind. Die Schwierigkeiten der Kindererziehung sind an sich schon so sehr groß, so daß es der steten Aufmerksamkeit der Eltern bedarf; dazu kommen dann noch die heutigen Verhältnisse, welche einen großen Theil der Kinder oft in schon sehr frühem Alter dem Elternhanse und der Elternaufsicht entziehen; schließlich die nicht wegzuleugnende Thatsache, daß die Verführung selbst unter der Jugend eine bedenkliche Höhe erreicht hat, die zu der Sorge der Eltern noch die große Angst fügt, wenn sie sich die Verantwortlichkeit, die auf ihnen lastet, klar machen. Heute handelt es sich nicht mehr blos darum, für die Zukunft der Kinder zu sorgen, sondern sie vor Unrecht 31t bewahren, sie auf der rechten Bahn zu erhalten, sie zu festigen und widerstandsfähig zu machen gegen Verführung und Ausschreitungen. Und deshalb sollte man wohl glauben, daß die Eltern ihr Hauptaugenmerk darauf richten, die Kinder, so lange sie noch ihrer Leitung und Aufsicht unterstellt sind, so zu erziehen, daß sie eine gute Grundlage erhalten, damit sie nicht so leicht und plötzlich auf ganz andere Bahnen gelockt werden können, daß sie nicht so schnell all die guten Lehren, die sie im Elternhause empfangen, vergessen, daß der Gedanke an die Eltern sie überall gleich wie ein schützender Engel umschwebe und znrückhalte von gefährlichen Wegen; mau sollte glauben, die Eltern müßten zur Einsicht gekommen sein, daß mit den Klagen über die große Verführung und Gefahr dieselben nicht beseitigt werden, 'daß ihrerseits etwas g e th a n werden muß, um diesen Gefahren vorzubeugem 7 , . Der Ueberzeuguug sollte man sich nicht mehr verschließen, daß die bisherige Erziehungsmethode meistens nicht mehr ausreichend ist, unter den heutigen Verhältnissen genügenden Halt, und Schutz den Kindern zu bietem uu >i.:u Wir wollen versuchen in der folgenden Auseinandersetzung; zu zeigen,. worin , hie Schäden der heutigen Erziehung liegen, wie . die Eltern selbst oft Schuld daran sind, durch die Grundlage ihrer Erziehung sich die ganze. weitere Erziehung zu erschweren, durch falsche Liebe und übel angewandte Nachsicht sich den so nothwendigen Einfluß, die so uothwendige Autorität selbst nehmen. W a n u hat die Erziehung zu beginnen? Diese Frage scheint schwer zu beantworten, und in der That sind die Eltern meistens im Unklaren darüber, mit welchem Alter mit der Erziehung ein Anfang gemacht werden soll. Stellen wir aber den Satz auf, daß die Eltern nicht blos die Ernährer sondern auch die Erzieher sein müssen, daun dürfen wir wohl behaupten, daß gerade so, wie sie vom Momente der Geburt an die Ernährer sein müssen, sofort auch ihre Erzieherpflicht an sie herantritt. Bis zum schulpflichtigen Alter des Kkudes habe man, so glauben die meisten Eltern, hauptsächlich auf die körperliche Entwickelung zu achten, erst mit dem schulpflichtigen Alter könne ernstlich von Erziehung die Rede sein. Das ist ein kaum wieder gut zu machender Fehler, daß mau diese erste, so überaus wichtige Periode der Erziehung, nicht ernst nimmt, während sie, wir möchten sagen, die Grundlage bildet zu aller folgenden Erziehung. Man versteht melfach unter Erziehung Aneignung von Kenntnissen. Beweis hiefür ist, daß mau in Wirklichkeit, wenn die Kinder die Schule besuchen, sich wenig mehr um ihre häusliche Erziehung kümmert. Bon dieser irrigen Ansicht ausgehend, werde» Unarten der Kleinen nicht mit vollem- Ernste gerügt, Launen freier Spielraum gelassen, Gehorsam, und Achtung nicht immer gefordert, ja wenn die „unschuldigen" Kleinen sich auf ihren Willen steifen und sich nach Kinder Art trotzig und ungeberdig zeigen, um ihn durchzusetzeu, daun sucht die zärliche Mutter Alles auszubieten, nur sie nur zufrieden zu stellen. Die bekannte Entschuldigung ist:, das Kind verstehts noch nicht. Glaubt aber Jemand, daß das schulpflichtige Kind schon etwas vom'ade, oder, vom Einmaleins versteht, wenn in der Schule damit begonnen wjzd? Und dennoch wird das Verständnis; des Kindes hiefür erzwungen, indem inan es zwingt, aufzupassen und zu lernen. Vom Gehorsam, von Achtung, die es den Eltern schuldet, versteht eS freilich in so zartem Alter noch nichts; es muß cs eben lernen. : y Uelrrigeus täuschen sich die Elterusehiy wenn sie glauben, daß das Kind so unschuldig, so gar nichts verstehe, so daß iu den ersten Kinderjahreu von Erziehung abgesehen werden könne. . Gewöhne man z. V. daS Kleine in der Wiege an v Hernmtragen, an Einsingen rc., so wird es fast regelmäßig feinem Uumuth Ausdruck verleihen, luciui mdii damit anfhört, wird schließlich nichts andei^ ,ruhen wollen, als ans diese ihm lieb gewordene'Weise, an

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