Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 25 (1884)
- Issue
- Heft 85 (27.10.1884)
- Date
- 1884-10-27
- Page
- – (sequence 11)
- Language
- German
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1405 der sie bekannt machen soll mit den Geboten unserer Thora, dersie am SabbatNachmittag lehrt, ihn als Tag des Ewigen, als Ruhetag zu feiern, daß au. ihm kein Geschäft, und sei es noch so nutzbringend, zu treiben erlaubt sei, und der doch selbst, öffentlich und regelmäßig dieses heiligste Gebot Übertritt! Unglaublich klingt meine Schilderung, aber wahr, leider nur zu wahr ist sie. Wird da nicht jedem geweckten Knaben sich die Frage aufdrängen, wie Wort und Ausübung Seitens des Lehrers sich mit einander vertragend Systematisch Zur Heuchelei wird unsere Jugend dadurch angeregt, und wer bedenkt, wie rasch Eindrücke ini Kindergemüth Wurzel fassen, der kann nur die Gefahr beklagen, die den Zöglingen der Anstalt, den künftigen Trägern des Judenthums, droht. Wer ist mehr zu tadeln, der Lehrer, der ein solches Auch dem er vom jüdisch moralischen Standpunkte aus nicht gewachsen, die Eltern, die ihre Kinder solchen Einflüssen ansfetzen, oder der Rabbiner-Dircctor der Schule? Wohl zumeist der Letztere, denn seine Aufgabe ist es, Lehrkräfte anzustellen, resp. vorzuschlagen, die als erstes Erfordernis; eines religiösen Lebenswandels sich befleißigen. — Mit voller Kraft sollte er gegen solche Elemente agitiren, anstatt sie, wie es bei dem eben angeführten Fall sich zeigt, heranzuziehen und als schätzenswerthe Kraft zu rühmen. Es dürste ein zum Glück einzig dastehender Fall in den Gemeinden Israels sein, daß ein Rabbiner, der sich noch dazu durchaus nicht gern als Reformer bezeichnen hört, solche Zustände nicht nur ruhig mit ansieht, sondern sie geradezu heraufbeschworen hat. Erklären soll sich die Vorliebe Seitens des biedern Rabbi für gen. Lehrer dadurch, daß Letzterer ihm „die Wochenschrift" füllen hilft. — lieber die Ihnen eben gcniachte Mittheilung wird jeder Jude, sei er orthodox oder freier gesinnt, die Hände vor Erstaunen zusammenschlagen, die Meisten werden ihrem gerechten Unwillen in heftigerer Weise Ausdruck geben. Was aber die Macht der Gewohnheit vermag, wir sehen schließlich nichts Außergewöhnliches mehr darin, erklären uns vielmehr, daß diese Zustände, ganz dem Wunsche und den innersten Grundsätzen des Dr. R. entsprechen. EinChillul haschem verdrängt in seiner Amtsführung den andern, ein neuer beschäftigt jetzt unsere Gemüther. Meine Mittheilungen werden so lang, daß ich in schwer zu verantwortender Weise Ihre Geduld, sehr verehrter Herr Redacteur und die Ihres freundlichen Leserkreises, in M nehme, doch nur noch für wenige Angenitte ich mir Ihre geneigte Aufmerksamkeit. — Vor Jahresfrist vermählte sich eine in sehr guten Verhältnissen lebende, inMagdebnrg tvohnhafteWittwe, Mutter mehrerer Kinder, deren erster Mann in Magdeburg verstorben, zum zweiten Mal mit dem leiblichen Bruder ihres ersten Gatten. Sie giug somit, wie jedes Kind weiß, eine Ehe ein, die unsere Thora bei Androhung der härtesten Strafen verbietet. Das Paar begnügte sich, wohl wissend, daß sich so leicht kein Rabbiner finden würde, der dieser Ehe seinen Segen ertheilt hätte, mit derstandesamtlichenTrauung. Bor mehreren Wochen ist die Frau von einem Knaben entbunden, Dr. Rahmer wohnte der Zude*) des nach jüdischem Gesetz in Blutschuld erzeugten Kindes bei, und hat am Sukkoth mit der heiligen Thora in der Hand beim ersten Tempelbesuch der Wöchnerin sie und ihr.Kind eingesegnet, und sonnt von der Kanzel herab, die Ehe, die die Thorarotte, die er in der Hand hielt, mit der Strafe der Ausrottung belegt, sanctlonirt. In solchen Händen befindet sich das Rabbinat zu Magdeburg. Trauer erfüllt gewiß jedes jüdische Herz, wenn cs Kenntnis; von solchen. Zuständen erhält. Trier, 23. Oct. Die Agitation gegen das Schächten-, der es in der Schweiz bereits gelungen ist, daß ein jüdischer Metzer und ein Schochet durch zwei Instanzen hindurch zu Geldstrafen vernrtheilt wurden, weil sie durch das Schächten einer Kuh eine Thierquälerei begangen haben sollen, gewinnt auch in Deutschland von Tag zu Tag einen ernsteren Eharacter. Die kürzlich in Dresden versammelten Thierschutz-Berein-Delcgirte haben eine Petition an den Reichstag beschlossen, um ein Verbot des Schächten» zu erwirken. Die Lächerlichkeit und Widersinnigkeit dieses ganzen Unterfangens bietet leider keine Garantie für seine Aussichtslosigkeit. Wer die verhängnisvolle Macht fixer Ideen kennt, besonders, wenn sie sich gegen Juden und Judenthum richten, wird die Gefahr nicht unterschätzen, der hier rechtzeitig entgegen getreten werden muß. Ich habe mich^dcßhalb zur Ausarbeitung einer Denkschrift über „Das Schächten" entschlossen, welche sännntliche für und gegen das Schächten geltend gemachten Momente znsannncnstellt und sie kritisch beleuchtet. Obwohl die größten Eapacitätcn der Physiologie und Veterinairkunde von ganz Europa bereits 1867 und nach Erfindung der Bouterote zum zweiten Male im Jahre 1876, sich einstimmig zu Gunsten des Schächtens geäußert haben, so wird von den Agitatoren gegen das Schächten dennoch geltend gemacht, daß diese Gutachten durch die Fortschritte, *) Anmerkung: Lo nennt man in Nor-deutschland dis Festmahlzkit, hebräisch n-nxs. ..