Mannheim
Compact Memory

Der Israelit · 1884-10-23 · Heft 84 (23.10.1884) · page 4

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Der Israelit
Volume
25 (1884)
Issue
Heft 84 (23.10.1884)
Date
1884-10-23
Page
– (sequence 4)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
91% known words query
IRI
…/2446951-2449406-2449484--21016-2510582
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

1382 rer Zusammenkauf. Als sich mm hier das Gerücht verbreitete, daß aus dem gegenüberliegenden Hause des jüdischen Kaufmanns Flater ein Stein auf die Menge herabgeworfen worden sei, wurde auf die Inden geschimpft und „Hepp hepp" und ,;Juden raus" gerufen, l">j. : .? : - ' Der immer mehr auwachsenden Menge bemächtigte sich jetzt eine große Erbitterung, und sie zog lärmend und johlend die Straßen auf und nieder, hier und da bei Häusern jüdischer Bürger Halt machend und Fenster einwerfend. Als lisch 9 Uhr der Martinische Hotclomnibus einen Thell jüdischer Zeugen vom Bahnhof nach der Stadt beförderte und vor dem Hotel hielt, wurde der.aussteigende Klempner Werner von der Menge zu Boden geschlagen und von nicht ermittelten Personen gemißhandelt. Ein Trupp hatte sich abgesondert und war zu dem entlegenen Hallse des jüdischen Kaufmanns Wolf Locwe gezogen, hatte die Fenster eingeworfen, war durch, die Hausthür auf den Hausflur gedrungen, hatte die Korridorthür erbrochen uud versuchte, in die Zimmer selbst zu dringen. Die Thüren derselben leisteten indeß oem Andrängen der Menge Widerstand. - ' , : Am Sonntag, den 9. März d. I. rotteten sich gegen Abend wiederum Haufen erwachsener Menschen auf den Straßen zusanlmen und zogen nun vom Markte die Preußische Straße entlang bis zum sogenannten .Kreuzdamnl, überall bei Juden Fenster imd Thüren einwerfcnd und erbrechend, hier und da auch in die Geschäftsräume jüdischer Bürger eindringend, Personen mißhandelnd und Sachen plündernd. Die Thür des dem Kaufmann Posener gehörenden, am Markte gelegenen Hauses versuchte man zu sprengen, doch erfolglos. Bei dem Kaufinann Abraham Behrendt wurde das Ladcnfenster eingeschlagen, durch dasselbe eingestiegen, worauf im Laden Maaren gestohlen wurden. Bei dem Pferdehändler Wedel wurden die Fenster eingeschlagen, die Scheiben eingeworfen, die Jalousien heruntergerissen und der hintere Thorweg aufgebrochen. Die Menge wälzte sich auf den Hof und machte dort zwei Puten imb einer Gans den Garaus, zerschnitt auch einen Wagen, und nunmehr wurde sotvohl vom Hofe wie von der Sttaße aus durch die Fenster tu die Zimmer mit Steinen geworfen, von denen einer im Kiuderzimmer einen Ofen beschädigte. Bei dem Kaufmann Wolf Loewe verfuhr die Menge ebenso wie am Tage vorher; sie erbrach die verrammelte Thür, drang auf den Hof -und in die Küche: und schlug das Geschirrkurz und klein. Beim Kaufmann Freundlich' am- Krenzdamrn-wurde die i Ladenthür verschließende Jalousie von außen.- gehoben, die noch verriegette Thür anfgebrochen und in-den Laden eingedrungen. Der Handlungsgehilfe Klüsener ttat den Lobenden Leuten entgegen, wurde aber durch Steinwürfe, von: denen einer - ihn traf, gezwungen, sich zurückzuziehen und der wüthende» Menge den Licken preiszugeben. Die Eindringlinge beulächtigten sich jetzt der etwa 18—38 Mark enthaltenden Ladenkasse uud nahmen das Geld mit sich; auch Maaren wurden gestohlen. Sachbeschädigungen von geringer Bedeutung, bestehend hauptsächlich in der Zertrümmerung von Fenstern, Thüren, Geräthen und Maaren, wurden demnächst von der die Stadt nach allen Richtungen hin durchziehenden Menge bei fast allen jüdischen Einw ohnern Neustettins verübt, und hierdurch ein Schaden von 727 Mark verursacht. . Auch Gewaltthätigkeiten gegen Personen wurden von der Menge vielfach verübt. Außer Werner und Klüsener wurden am Sonntag, den 9: März, der Kaufmann Flater und der Töpfermeister Bartel durch Fensterscheiben leicht und der am Fenster seiner in der Preußischen Straße belegenen Wohnung stehende Kaufmann Moses Freundlich durch einen Steinwurf am Kopfe nicht unerheblich verletzt. Die Anklage beschuldigt die einzelnen Angeklagten speciell, daß sie in und mit der zusammengerotteten. Menge durch die Straßen der Stadt gezogen sind, die einzelnen Haufen als Rädelsführer angeführt, sie von Stelle zu Stelle geleitet, sie zur Verübung von Gewaltthätigkeiten gegen Personen und Sachen aufgefordert und selbst solche Gewaltthätigketten gegen Personen und Sachen verübt haben. Am meisten von ihnen sollen sich Karl Patzwald und Raatz hervorgethan haben. Letzterer schritt an decken Tage»' an der Spitze der Menge mit einem. Knüppel wie ein Tambourmajor voran und führte sie am Sonnabend zu Loewe und am Sonntag zu Freundlich. Karl Patzwald drang am Sonnabend bei Loewe ein, schlug am Sonntag in Gemeinschaft nütz Friedrich Patzwald und Klabundt gegendieHausthür der Wittwe Wolff, drang mit Pirlch und Klabundt in den Freundlichschen Lkcken» bemächtigte sich hier der Ladenkaffen und kehrte zur Menge zurück mit den Worten: „Hier ist Freundlichs Geld!" : ' : ... V y> In Gemeinschaft mit seinem Bruder Friedrich Patzwald erzwang er sich Eingang kn die Wohnung des Schnhmachermeisters Rosetzki und schlug de»' bei diesem sich aufhaltenden Töpfermeister Bartel 'mit-der Faust ins Gesicht. Bechert'drang, alsdie;Sicherheitsbeamten - im Beginn des - Auflaufs die'; Angeklagten Karl Patzwald und Pirich verhaftete» 'und Hand au sielegten, an der Spitze eines Trupps '

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.