Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 25 (1884)
- Issue
- Heft 79-80 (2.10.1884)
- Date
- 1884-10-02
- Page
- – (sequence 19)
- Language
- German
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1320 könnte die Unwahrheiten, Schmähungen und Verleumdungen nach der Elle verkaufen. (Stürmischer Beifall.) Jeden patriotischen Mann mich es mit Betrübnis; erfüllen, wenn er sicht, das; die konservative ' Partei sich solchen Bestrebungen dienstbar macht. Stöcker geht sogar so weit, den lieben-Gott snr den Ausgang des Wahlkampfes verantwortlich zu machen und seine. Judenhetze als im Dienste des Höchsten darzustellen. Das ist eine Wiederbelebung des finstersten Geistes des Mittelalters, und traurig ist es, daß man einen Geistlichen an das Gebot erinnern muß: Du. sollst den Namen Deines Gottes nicht mißbrauche». (Lang andanernder Beifall.) Im Einklänge mit der heuchlerischen Bescheidenheit Stöckers steht die Unverfrorenheit seiner Anhänger, welche ihn den „zweiten Luther" genannt haben. Zwar hat er diese Bezeichnung, weil sie von unreifen Zungen ansging, von sich abgcwiesen, aber sein lieber Bruder Wagner hat ihn „die neue Wittenberg'sche Nachtigall" genannt, und Stöcker hat dazu geschwiegen. Jetzt ist auch Heurici wieder auf der Bildfläche erschienen und da ist die Frage gerechtfertigt, ob Stöcker dieselben Ziele verfolgt, wie Henrici, .Pickenbach, Nuppel und Genossen? Herunter mit der Maske! Wagner hat mich (Redner) in der gröblichsten Weise beschimpft, wie es eigentlich nur ein Professor kann, nur sein lieber Bruder Stöcker ist ihm darin über. Redner verliest einen Artikel aus der unter Stöckers Oberleitung stehenden „christlich-socialen Korrespondenz" vom Jahre 1883, welcher die größten Beleidigungen und Beschimpfungen gegen ihn (Redner) enthält. Wegen dieser Beleidigungen, sagte er, habe er Stöcker zu fassen versucht, aber aalglatt, wie er. sei, habe derselbe sich seinen Händen entwunden, indem er erklärte, daß er die Verantwortlichkeit für das, was in dem officiellen Organe seiner Partei stehe, nicht trage; als er (Redner) sich solche Winkelzüge nicht gefallen lassen wollte, als er Rechenschaft forderte für die Worte, welche Stöcker gesprochen und welche er habe schreiben lassen, da schlug derselbe sich den Talar um die schlottrigen Glieder; der Brandprediger war auf einmal wieder der Hofpredigrr. (Stürmischer, lang anhaltender Beifall.) Als die Sache ruchbar wurde, habe er (Redner) die Nachricht erhalten, das;., eine Rotte verwahrloster Buben sich zusammengethan habe, um ihn auf der Straße anzugreifen, weshalb er vorsichtig sein solle; er habe sich indessen nicht daran gekehrt und die Buben seien nicht erschienen. Und das sei die Gesellschaft, zu der Herr Professor Wagner ihn einlade, damit er Zeilge sein'iölte, wie weit ein deutscher Professor sich vergessen, wie tief er silcken könne. (Lebhafter Beifall.) Stöcker beklage sich über die Unzucht der Sprache im öffentlichen Leben. Als Antwort darauf citkrt der Redner eine Reihe von Stellen ans den Redest'Stöckers, welche die Bezeichnung „Unzucht der Spräche" im höchsten Maße verdiene». Und damit erklärte er die beiden Personen für abgethan. Schließlich richtete der Redner noch ein Wort der Mahnung an die Wähler, daß sie dem Fortschritt, unter welchem die Kultur des Vaterlandes sich entwickele, tren bleiben möchte», da die Sumpfpflanze des Antisemitismus nur auf denk Bode» des Materialislnus Wurzel fassen könnte. Er fordere die Wähler auf, festzrchalten an der alten demokratischen Fahne, wie auch immer dagegen geeifert werde. Einer der besten Kämpfer sei Virchow. Stöcker spotte, derselbe stehe nicht in feiner' Kompagnie. Das sei wahr, aber fest und treu habe Virchow stets auf der Wacht gestanden und es werde der Stolz und die Ehre des Wahlkreises sein, denselben wieder dorthin zu stellen. Lang anhaltender stürmischer Beifall, gemischt mit Hochrufen auf Virchow und Philips folgte dieser Rede, an welche sich noch eine kurze Erörterung knüpfte, in der das Verhalten der Antisemiten kroch einmal als im höchsten Grade schmachvoll und unwürdig bezeichnet wurde. Vereikksangelegekcheiten bildeten den Schluß der Verhandlungen. Eine größere Zahl von Akitisemiten, die sich eingefunden und ihre Anwesenheit durch Zischen bekundeten, hatte trotz mehrfacher Aufforderung nicht den Mnth, sich an der Diskussion zu betheiligen. v Berlin, 25. Sept. Mehrere hiesige jüdische Familien erhielten znm Neujahrsfeste Pamphlete mit den mlfläthigsten Carricaturen und entsprechendem Texte durch die Post zugesandt. 8luf den Adressen befand sich unter dem Reichsadler ein Stempel, der die Inschrift „Inden raus" answeist. Dieselbe» wurden auf dem Postamte 64, Unter den Lknden 5* aufgegeben; um die Quelle, aus der die Pamphlete stammen, zu erfahren, genüge der Hinweis, daß im Hause Unter den Linde» 9 sich das antisemitische Hauptquartier befindet. Die sonst so „findige"' Post scheint diesmal schlecht gesehen zu habe», den« sonst hätte sie wissen müssen, daß die Aufnahme und Beförderung von Schmähschriften de» Postbeamten streng verboten ist. , Berlin, 25. Sept. Die erschütternde Katastrophe auf der Havel bildet , noch immer das'Erergniß des Tages und begegnet überall heMcher Theilnahme. Nachdem Dienstag die Leiche»-der