Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 25 (1884)
- Issue
- Heft 79-80 (2.10.1884)
- Date
- 1884-10-02
- Page
- – (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 96% known words query
- IRI
…/2446951-2449406-2449480--20920-2510482- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
1805 Zusehen muß, wie hier die Orthodoxie jeden Tag an Macht und Ansehen zuninnnt, wie hier z. B. zwei große orthodoxe Synagogen und etliche kleine nicht allein an den hohen Feiertagen, sondern anch an jedem gewöhnlichen Sabbat mit andächtigen Betern gestillt sind, das kann gewiß seine gute Laune nicht erhöhen. Schreitet ja die „Verfinsterung" hier so weit vorwärts, daß selbst an der Schule, an der Herr Dr. Brüll nun seit Jahren seine große resormatorische Thätigkeit entfaltet, auch schon Anzeichen dafür vorhanden sind, daß die neologe Richtung nicht mehr die allein berechtigte ist. Und lionibile dictu, er muß es sogar erleben, daß jener unglückliche conservative Geist sich schon in die Orqclsynagoge einzunisten beginnt, wo man den Anfang ^amit gemacht hat, den dreijährigen Eyclns abznschassen. Ja, so weit ist es bereits hier gekommen, und Herr Dr. Brüll ist darüber außer sich vor Schmerz, daß kürzlich eine Trauung unter freiem Himmel, nach altjüdischem Brauche, vollzogen wurde. In dem neuesten Hefte seiner Monatsblätter tadelt er zuerst in allerdings etwas verschämter Weise, daß „Frankfurt a. M. sich bei der Gegenerklärung gegen die Beschlüsse des Berliner Rabbiner-Eongreffes ins Schlepptau der Hildesheimer, Lehmann, Plato, Heilbut" habe nehmen lassen. Dagegen zieht er dann aber wieder in höchst unverständiger Weise gegen die Orthodoxen los, gelegentlich einer Besprechung der vor einiger Zeit von Herrn Slobotzki dahier herculsgegebencn neuen die, wie auch in diesen Blättern bereits erwähnt worden ist, leider nicht frei von Druckfehlern ist. Er schreibt also: „Wir haben aus diesem, wie wir aus Annoncen ersehen, unter den Auspicien orthodoxer Autorität herausgegebenen Gebetbuche, das von Fehlern nnd Ungenauigkeiten wimmelt, ersehen, wie hochgradig die Ignoranz in den elementarsten Dingen in diesen Kreisen geworden, nnd daß die orthodoxen Autoritäten nicht einmal auf das Attribut eines Sidur- Lamdan's, d. i. eines Individuums Anspruch machen können, welches durch gewohnheitsmäßiges gedankenloses Mitmachen aller Ceremonien wenigstens einige Kenntnisse auf dem Gebiete der Ritualistik erlangt hat, die es nur eine Staffel höher als den Unwissenden (Am-ha-arez) stellen rc. rc." So viele Sätze hier ausgesprochen, eben so viele Unwahrheiten und Verleumdungen sind darin enthalten. Auf welche .orthodoxe Autoritäten hat sich Herr Slobotzky hinsichtlich des Inhalts seiner n?Dn berufen, oder welche orthodoxe Autorität hat sich irgendwie an der Herausgabe derselben betheiligt? Herr Dr. Beüll weiß so gut, wie alle andere Menschen, die sich für die Sache interessircn, das; das neue Gebetbuch durchaus nur ein bnchhäudlerisches Privatunteruehmen des Herrn Slobotzky ist, der, wenn er beider ersten Auflage nicht mit besonderer Sorgfalt bei der Korrektur zu Werke gegangen ist, so daß einige grobe Druckfehler stehen geblieben sind, bei der bereits erschienenen zweiten Auflage mehr Mühe aufgewandt hat. Wenn aber Herr Slobotzky sich in den Annoncen ans orthodoxe Autoritäten beruft, so geschieht es nur, damit diese ihm bezeugen, daß er seine Druckerei am Sabbat geschlossen hält. Freilich kann ein Brüll dafür keine Empfindung haben, denn was ist in seinen Augen eine Entweihung, was ist in seinen Angen eine Heiligung des Sabbat? Aber es gibt G. s. D. noch eine sehr, sehr große Anzahl von Israeliten, deren religiösem Gefühle cs widerspricht, ihre Gebete zu Gott aussteigcn zu lassen aus dein Buche, das durch eine Entweihung des Sabbat entstanden ist. Armer Herr Brüll! Er hat wirklich Grund, recht böse zu sein. Alles geht ja auch heute rückwärts, über Alles muß er sich ärgern. Auch der Deutsch-Israelitische Gemcindcbnnd verspürt, wie Herr Dr. Brüll ja bitter klagt, von Zeit zu Zeit conservative Anwandlungen. Er hat Recht, Deutschland steht noch nicht „auf der Höhe der positiven Reform", Deutschland ist für einen Brüll überhaupt zu klein, suche er sich deshalb ein anderes Königreich, der Herr soll ja schon einmal einen Ruf an das „Jcwish Union College" in Eincinati erhalten haben. Dort gibt es natürlich noch größere Reformer als hier.. Dort wird anch für Herrn Brüll's Wirksamkeit noch ein Boden vorhanden sein. Vielleicht entschließt er sich noch, dahin zu gehen. Die Thränen, die bei seinem Scheiden hier in Frankfurt fließen werden, wären sicher leicht zu trocknen. Ans Thttriugen. Ihr geschätztes Blatt brachte unlängst einen Bericht ans Wien, betreffend die Verurtheilung nnd schlicßliche Freisprechung eines Mohel wegen eines bei der Beschncidung eines Kindes ihm begegneten Unfalles. Dieses brachte mir einen Vorfall aus früher» Jahren in Erinnerung, dessen Augenzeuge ich war nnd dessen weitere Bekanntwerdnng' bei vorkommendeu Fällen vielleicht von Nutzen sein kann. In einer Gemeinde, in welcher ich früher lebte, fand eine Beschneidnng statt. Das Kind blutete stark nach, und der Mohel war nicht im Stande, das Blut znm Stillstand zu bringen. Im Orte lvohnte ein geschickter Arzt, welcher endlich herbeigcholt wurde. Dieser handthierte mehrere Stunden mit blutstillenden Mitteln an dem Kinde, ohne den mindesten Erfolg erzielen zn können. Das Nutzlose seiner Bemühungen einsehend, ent-