Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 25 (1884)
- Issue
- Heft 77-78 (25.9.1884)
- Date
- 1884-09-25
- Page
- – (sequence 9)
- Language
- German
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XXV. Jahrgang. > Erste SMage;u M. 77 Sc 78 des Israelit. Leitender Artikel. Hleujahrs -Helrachtungerr aus Hcsterreich. (Schluß.) Die Bethausverwalttmg unserer Gemeinde hat ja momentan ohnedies recht viel zu thuu — nämlich die Tempelsitze werden jetzt au den Mann gebracht, dabei vergeffen die Herren Vorsteher vom „grünen" Tische, daß unsere Gemeinde eine nicht unbedeutende Anzahl von unbemittelten Mitgliedern zählt, die doch auch gerne während der hohen Festtage einem geregelten Gottesdienste beiwohnen möchten; an gewöhnlichen Tagen und insbesondere au Sabbattagen liefert ja ohnedies nur diese Classe das eigentliche „Auditorium" für die geistreichen humoristischen Bemerkungen der Prediger und für die schönen Molltöne des Cantors und des wohllöblichen Chorpersonals. Denn unsere Herren Vorsteher haben ja keine Zeit mit solchen „ccremonielten" Lappalien ihre kostbaren Geschäfts- und Büreaustunden zu vergeuden; diesen Herren genügt ja der zweimalige jour fix in der Synagoge alljährlich uitb das nutzlose Plaudern in den langen Budgetdebatten der vierwöchentlichen Sitzungen. Und diese Sitzungen, daß Gott erbarm! Da streiten sich die Herren Vorsteher um des Kaisers Bart herum und vergessen dabei, wie arg es bei uns mit den wichtigsten Gemeindeiustitutionen bestM ist. An hohen Festtagen kann bei uns mrr derjenige einem schönen Gottesdienst beiwohnen, der 10 fl. für einen Tempelsitz zahlen kann. Die unbemittelten Glaubensgenoffen müssen für theures Geld in „gemiethetcn" Lokalen ihren Gottesdienst abhalten, deren Aeußeres und Inneres weder de» sanitären, noch den rituellen Gesetzen entspricht. Für derartige Vorkommnisse haben unsere Herren Vorsteher keine Augen und keine Ohren. Im Grunde ge- - nommen, kann man diesen JndiffereutLsMus unserer Cnltusvorsteher gar nicht verargen; denn diese Herren wissen ja kaum, was eine Mische Gemeinde nothwcndig haben umß. Ihnen genügt nur, aus den Placaten zu entnehmen, daß Herr R. und Herr £. während der hohen Festtage Ln den Lokalitäten eines kleinen Caft Chantantc einen feierlichen Gottesdienst abhalten wird und damit ist cs genug. Wie theuer die Sitze daselbst sind, und ob dieses Local geeignet ist zu gottesdienstlichen Versammlungen und ob die ärmeren Mitglieder der Gemeinde einen solchen Preis bezahlen können, das kümmert, wie gesagt, unsere Vorsteher nicht. Mit Constatkrungen, daß der Gottesdienst von unbescholtenen, religiösen Leuten in solchen „Miethbethäusern" geleitet wird, verschone man uns. Wir brauchen keine derartigen Beweise, sondern wir brauchen zwei große Synagogen, die der ärmeren Classe unserer Glaubensgenossen gegen eine kleines Entree oder ganz unentgeltlich zur Verfügung gestellt werden, und dieses Opfer muß die Wiener Cultnsgemeinde bringen. Es ist ja fast empörend, alljährlich diese Sccnen mitanzusehen und anzuhören, die während der hohen Festtage an der Tagesordnung sind. Scharenweise durchziehen arme Juden die Straßen, sie werden in keinen Tempel gelassen, sie können kein Miethbetlokal besuchen, weil sie — kein Geld hatten, einen Sitz zu kaufen! In der ärmsten, jüdischen Landgemeinde kann man während der hohen Festtage, auch wenn man ganz mittellos ist, dem allgemeinen Gottesdienste beiwohnen, nur in Wien muß man Geld haben, um seine religiösen Funktionen verrichten zu können? Wo ist da das so gepriesene, jüdische Herz zu finden? Selbstverständlich wird man uns eiuwenden, daß diese Synagogen während des Jahres leer stehen werden, und für 3 Festtage könne man so keine riesigen Ausgaben machen! Aber da wissen wir wohl einen besseren Ausweg! Wenn in jedem der 10 Bezirke der Stadt Wien eine Neligionsschule begründet wird, die doch unumgänglich nothwcndig ist, da die Centrale zu entlegen und der Religionsunterricht an den Schulen zu kurz und zu planlos eingerichtet ist, dann ist zwei Uebelständen mit einem Male abgeholfen. Wir hätten dann in jedem Bezirke ein geräumiges Betlokal und eine gut besuchte Neligionsschule, zwei fehlende Größen in der Wiener Cultnsgemeinde, die doch unumgänglich nothwcndig sind! Die Kosten für diese Bauten können auch sehr leicht herbeigeschafft werden; denn die verschiedenen Departements unserer Gemeinde weisen alljährlich große Ueberschüsse aus, die müßten diese Bauten decken. Darüber