Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 25 (1884)
- Issue
- Heft 75-76 (18.9.1884)
- Date
- 1884-09-18
- Page
- – (sequence 26)
- Language
- German
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Hierauf berief er die Obmänner über die Zehn. Auch Obed war ein solcher, und an seiner Stelle sollte ein anderer bestimmt werden. Jetzt brachte er seine Bitte bei dem Führer vor, der freudig darauf einging, während der Priester, der hcrbeigetreten war, es versuchte, die beiden Brüder von ihrem Entschlüsse abznhalten. So übernahm denn Obed den Befehl über seine zehn Mann. Da man sogleich aufbrach, um sobald als möglich den Versammlungsort de» gesammten Heeres zu erreichen, blieb Obed nur wenig Zeit für die Abschiednahme. Er war zum ersten Male zärtlich gegen sein Weib und bat Lothan aufnchtig, jede Bitte Dinahs zu erfüllen. Dinah, welche noch zu schwach war, ihn zu geleiten, rief ihm die Bitte nach, die Söhne ihres Landes zu schonen und mit leiser Stimme fügte sie hinzu: „Gott erhalte und beschütze Dich." Lothan ging mit seinem völlig kampfgerüsteten Bruder zum Gotteshaus, dem Vereinignngspunkte der Streitkräfte des Ortes. Der Priester bestieg die Stufen, und segnete das Volk, welches diese umgab, sang mit seinen Genossen einen Lobpsalm. Hierauf zogen die Krieger ab, geleitet von der jubelnden Menge, welche das kleine Heer vor die Stadt hinausführte. Obed schritt an der Seite seines Bruders, dem er noch einigemal die Sorge für sein Weib ans Herz legte. „Sieh, ich that Unrecht Dinah zu nehmen, denn ich bin kein Mann, der sie glücklich machen könnte. Und jetzt erst fühle ich, dag ich für den Ehestand nicht tauge. Für den Krieg bin ich geschaffen, und ein solcher Mann kann kein Spielzeug brauchen. Ich weiß, du bist andern Gemüthes und wirst Dinah besser achten, als ich es gethan. Lebe wohl, Lothan, und sage ihr, wenn ich wiederkommc, will ich versuchen, ihr ein zärtlicher Gatte zu sein." Vor der Stadt trennte man sich. Die Bewohner warteten aber, bis die kräftigen, nmnteren Kriegslieder der Abziehenden in der Ferne gänzlich verklungen waren.— Bald zog in das Haus Obeds eine lange nicht gekannte Ruhe und Zufriedenheit ein. Dinah keimte unter der Sorgfalt Lothans wieder zur ehemaligen Jugendschöne auf, und alles Vergangene vergessend, fühlte sie sich wieder glücklich. Die Stunden, die ihr Schwager in ihrer Nähe verbrachte, waren ihr das Liebste geworden und wurden sehnlich herbeigewünscht. Jener Schmerzenszug hatte sich nach und nach aus ihrem Geiste verloren, unddasschwermüthige Lächeln in ein heiteres gewandelt. Ihre alte Hoffnungsfreudigkeit spiegelte ihr die Zukunft 1 freudenreicher vor. Lothan schreckte oft. aus un- : glücklichen, ruheraubenden Gedanken auf, die er in allzustrenger Benrtheilnng für verrätherisch anfah. Er fühlte es, wie sich sonst nicht gekannte Gefühle in seine Brust einschlichen, er hatte aber nicht die Macht, ihnen den Eintritt zu verwehren. Mitten in diesem Taumel traf ihn die unglückliche Nachricht, sein Bruder sek kn der Schlacht gefallen. Dinah erschreckte diese Kunde, aber sie empfand keinen Schmerz. Dagegen sah sie mit stets wachsender Angst Lothans anfänglich Men Kummer in eine tobende Wuth ausbrechen, in welcher er sich selbst schmähte und auffallend ihre Nähe scheute. Da sie es versuchte, ihm Trost znznfprechen, floh er das Haus und flüchtete in die Wälder. Dort warf er sich in das Moos und weinend vor Wuth, keuchte er eine. Anklage gegen sich. „Ich habe den guten Namen meines Vaters geschändet, meinen Bruder in den Tod geschickt, um im warmen Bette zu bleiben! Feigheit, elende Feigheit hat mich fern gehalten vom Rechten. Ich bin ausgestoßen aus den Reihen meines Volkes, bin ein Verräther, der Mörder meines Bruders! Ich habe ihn, der sich seines Besitzes gerade erfreuen wollte, in den Kampf geschickt. Vater im Himmel, Du straftest einen König um solchen Frevel, Du wirst nicht dulden, was ich am Bruder ausgeübt. Du strafest hart — doch habe Gnade und tödte mich blos." Geistig und körperlich müde, schlich er im Hause herum, ohne sich um seine Arbeit zu kümmern. Dinah sorgte für die Ordnung und Lothan ließ es willig geschehen, daß sie auch für ihn sorgte. Es erfüllte ihn jetzt die Ueberzeugung, sein Bruder könne nicht gefallen sein. Und als die Hceresabtheilung aus siegreichem Kampfe zurückkehrte, zog er ihr entgegen, um seinen Bruder zu begrüßen. Die Gewißheit, die er hier erhielt, blieb wirkungslos. Als aber am nächsten Morgen der Priester in ' fein Haus trat und dein Gemüthskranken die Worte. ' zurief: „Deine Unfolgsamkeit, Lothan, hat Deine Schwägerin zur Wittwe gemacht, Du hast Mißfälliges getrieben in den Augen des Ewigen!" — da brach! feine Wuth von Neuem aus. Der^Priester wendete sich hierauf an Dinah mit der Frage, ob sie Hoffnung habe, ihrem gefal- . lenen Alaune einen Nachkommen zu erhaltend Sie; verneinte. :;; . 9 : Noch am selben Tage wurden Lothan und; Dinah vor den Richter beschkede». Lothan hatte