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Der Israelit · 1884-09-18 · Heft 75-76 (18.9.1884) · page 27

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Journal
Der Israelit
Volume
25 (1884)
Issue
Heft 75-76 (18.9.1884)
Date
1884-09-18
Page
– (sequence 27)
Language
German
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1273 sich nicht cingefnuden und mußte geholt werden. Im Garten fand man ihn, an einem verborgenen Orte im Grase liegend, das Gesichtauf de» Boden gedrückt. „Man fordert den Mörder vor's Gericht!" rief er, als ihm der Bote den Zweck feines Kommens ' mittheilte. „Ach, es wird wohl thun!" — Beim Stadtthore saß auf seinem hohen Stuhle der Richter, ein ehrwürdiger Greis, der, umgeben; von einer Menge müßiger Leute, Lothans harrte. Dinah stand im weißen Gewände stillschweigend; unter dem Volke. — Lothan trat jetzt mit wildem, verstörtem Blicke in den Kreis. Die Zuhörer legten sich auf den Boden ringsum, während Dinah ihrem Schwager vor den Richter folgte. „Lothan, mein Sohn", begann der Greis, „du bfft jetzt deines Bruders Erbe, der in der Schlacht ruhmreich gefallen ist. Dir gehört Haus und Feld und du trittst eiil für deines Vaters.Namen. Doch hier steht die Wittwe des Verblichenen, ein armes, schwaches Weib, das deiner Hilfe bedarf. Darum folge unserem Gesetze, das da spricht-. Wenn zwei Brüder zusammeuwöhnen und einer von ihnen stirbt ohne männliche Erben zu hinterlassen, so übe der andere Schwagerpflicht an dem Weibe des Verstorbenen. Illicht wende sie sich nach Austvärts, um einen F-reinden zu heiraten, ihren Schwager nehme sie^und ihr erster Sohn sei der Erbe des Todten, denen Namen er trage, daß sich fortpflanze sein Stamm. Und beide sollen vor den Richter kommen, damit er ihm anftrage, sie zur Frau zu nehmen. Hat er aber kein Verlangen, so zu thun, dann trete sie vor und ziehe ihm den Schuh ab, und sein Haus heiße das des Bahrfüßlers, daß man für immer wisie, wie er abgewicsen, den Namen seines Bruders zu erhalten! So spricht unser Gesetz, Lothan; ich habe es dir vorgetragcn, weil es das Recht so will. Aber ich weiß, du hattest deinen Bruder zu lieb, und der Schmerz, mit dem du in dem Kreise stehst, läßt es mich um so gewisser glauben, als daß du nicht Sorge trügest für das, roas ihm auf Erden am Liebsten war. Darum trete vor Dinah und führe sie heim als dein Weib." Lothan war während der Rede des Richters füll sinnend gestanden, den Blick zu Boden gewendet. In seinem Schmerze hatte er dies alte Gesetz vergessen und die Ehrfurcht vor demselben ließ in ihm keinen Zweifel aufkommen, ob er nach dessen Willen handle» sollte.. Als aber der Richter der Liebe zu seinem Bruder erwähnte, da rief ihm eine innere Stimme: Du „Bruderinörder" zu und augenblicklich war..seine Ruhe geschwunden. Wild fuhr, er auf, und ein rauhes, schreckliches „Nein!" rief er mit schriller Stimme, als der Greis geendet. Ein Gemurmel des Abscheues lief durch den Kreis der Zuhörer, welcher sich zum Theile entrüstet erhob. Dinah hatte sich ihrem Schwager genaht, doch er stieß sie zurück. Da warf sie sich weinend an seine Brust und richtete ihr Auge bittend empor. Aber er faßte sie bei der Hand, schleuderte sie fort, durchbrach dann die umstehende Menge und rannte durch das Thor in's Freie. Dinah verzichtete ans ihren Anspruch au Lothan und kehrte dann, von den sie bedauernden Frauen geleitet, in's Haus zurück. Lothan verbrachte nun den ganzen Tag auf seinem Felde, wo er vom frühen Morgen bis in die Nacht sich unausgesetzt der schwersten Arbeit unterwarf. Er vermied es, Dinah im Hanse zu begegnen, und auch sie schulte seine Nähe. Eines Tages suchte der Priester Lothan auf dem Felde auf. „Du hast," begann er, „Theil an der Schuld, die Dinah zur Wittwe gemacht und deshalb dem Ewigen mißfallen. Willst du dadurch büßen, daß du sic auch ferner unglücklich machst? Siehe ein weises Gesetz fordert deine Pflicht, du aber riefst im jugendlichen Unverstände: nein, und spottest unserer Sitten. Lothan, ich warne dich, du bist auf falscher Bahn. Wende dich ab und thue was Recht ist. Achte das Andenken deines Bruders in Dinah." Der Priester kehrte wieder um. Lothan glaubte geträumt zu haben. Wie ein reiner Engelssang schienen ihm diese Mahnworte. Oft hatte er sich dies gesagt, aber sein Schmerz war noch zu stark gewesen. Jetzt war es der Geweihte Gottes, der ihm diesen Weg wies, seinem Herzen Ruhe und Besänftigung brachte. Seine Schuld schien ihm nicht mehr so groß und hörte auf, ihn zu drücken, da er sie zu sühnen vermochte. Der nächste. Tag war der erste, den er im Hause zubrachte. Er war im Garten beschäftigt, und dachte während der Arbeit nach, was er jetzt zu thun habe. Da trat gegen Abend Dinah zu ihm und sprach: ’ \ * „Ich komme Abschied zu nehmen, Lothan." Dieser schreckte auf: „Was soll das, Dinah?" „Ich will sehen, ob die Rosen in den Gefilden . Moabs noch blühen. Ich will zu meinen Brüdern, daß sie mich wieder aufnehmen, lueim sie leben! ' Ach, sicher sind sie von euren Schwertern gefallen,! denn von euch kommt all mein Unglück." „Dinah, du darfst nicht fort!.Ich will sühnen, - was dir von uns angethan wurde!" - . -•! „Du willst es sühnen, der sich weigert ,die Kraft-; lose zu schützen, der mich Arme vcrstößt und,verj wirft. Ach Lothan, ich bin deinem Bruder ein

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