Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 25 (1884)
- Issue
- Heft 75-76 (18.9.1884)
- Date
- 1884-09-18
- Page
- – (sequence 6)
- Language
- German
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1252 wahren Behauptungen widerrufen werde. Doch das „D. T." glaubte dieses Gebot des AnstandeS übertreten zu dürfen und es hatte seinen Grund dazu. Das Antiscmitenorgan hatte jenes alberne Zeug veröffentlicht,, damit „man höheren Ortes wisse", was der Lärm der rabbinkschcn Presse zu bedeuten habe. Nun wäre es doch jammerschade gewesen, wollte das Blatt seine Behauptungen widerrufen, damit „man höheren Ortes wisse", das; alles erfnnden und erlogen gewesen. Bedenkt man, daß das „Deutsche Tageblatt" der Moniteur der Antisemiten ist, so kann man wohl ans den moralischen Stand der anderen Blätter gleicher Tendenz schließen. — Inzwischen laufen von verschiedenen Seiten Meldungen ein, die unsere frühere Bermuthung bestätigen, daß nämlich humane preußische Schuldirectorcn trotz der Ministerialverfügung die weiteste Rücksicht auf die religiösen Gefühle ihrer jüdischen Schüler nehmen. Aus naheliegenden Gründen können wir heute, da der Erlaß noch besteht, die Namen dieser wackeren Männer nicht der Oeffentlichkeit übergeben. Der Herr Kultusminister ist diese Woche ans der Schweiz zurückgekehrt und weilt gegenwärtig in Baden-Baden. Es ist dringend zu wünschen, daß nach seiner demnächstigen Ankunft in Berlin sofort die nöthigcn Schritte gethan werden. Berlin, 12. Scpt. Die Tage der Agitation für die Rcichstagswahlcn sind gekommen und mit ihnen zugleich die Tage zügellosester Verhetzung gegen unsere Glanbensgenossen. Bekanntlich haben cs die vornehmeren conservativen Organe für „bedeut n n g s v o l l n n d s y m p t o m a t i s ch" erklärt, daß die meisten conservativen Wahlkreise die Antisemiten desavouiren und den Herren Wagner, Stöcker und Eonsorten die Ehre einer Kandidatur bei ihnen nicht gönnen. Um so energischer suchen die Leiter der „nationalen Bewegung" in ihren Volksversammlungen den Pöbel für ihre Sache zu begeistern. Zunächst trat Herr Stöcker auf und erklärte die Mitthcilung einzelner Blätter, daß er dem Antisemitismus den Rücken gekehrt habe, für eine „niederträchtige. Lüge". Nachdem Herr Stöcker also das Signal gegeben, verläuft fast kein Abend, an dem nicht ans dem Munde eines „nationalen" Schuhmachers oder Schriftsetzers Judenthum und Talmud mit dem zehnfachen Bann belegt wird. Am meisten Interesse bietet eine Volksversammlung des „Deutschen Antiscmitenbundes" vom letzten Montag in der der bekannte Herr. Pickenbach seine beifallsjohlenden „Zuhörer" belustigte. Es sei uns gestattet einige Sätze aus der Rede des' genannten Herrn mitzntheilen, denn diese zeigen deutlich, daß die Waffen der Hetzer verbraucht sind und der Antisemitismus seine Existenzberechtigung verloren hat. „Der Deutsche", so deklamirte der Vorsitzende des Antisemitenbundes, „soll nicht zum Heloten des Judenthums werden". Professor Vkrchow und Prof. Mommsen haben seinerzeit dargethan, daß das jüdische Volk und der jüdische Staat auf dem Boden der Intoleranz anfgebant sind. (!!) Das Wische Concil im Jahre 1869, in Leipzig hat die modernen Ideen der Gleichheit, Freiheit und Brüderlichkeit acceptirt, die Juden verlangen Gleichheit und wollen sich von uns abschließen, in Sitten und Gebräuchen. Dabei wagt sich der Jude an alles. Er hat die Börse, die Banken, er macht die öffentliche Meinung durch seine Presse, ja, er wagt sich sogar an das Ehristenthum, indem er die Confessioneu zu verhetzen sucht. (!!) Die Alliance israekite, die da ein neues messiauisches Reich anstrebe bildet einen eigenen Staat. Auch Schuld der Juden ist es, wenn unsere Socialreform noch nicht weiter gediehen ist u. s. w. u. s. w. Nach Schluß des Vortrages gelangte zur einstimmigen Annahme der Versammlung eine Resolution, welche den Vorstand des „Deutschen Antifemitenbundes" ermächtigte, die Rcichsrcgiernng auf die Gefährlichkeit der Alliance israelite und die talmudischen Lehren aufmerksam zu machen, von denen die erstere ein Verstoß gegen die Vereinsgesetze sei. Dieser haarsträubeube Blödsinn den die gesammte Reptilienpreffe fast wörtlich abdruckt, bedarf keines.Kommentars. Hoffen wir, daß die Wahlen diese Gesellschaft in die Schlupfwirkel znrückweisen werden, in welche sie gehört, und daß wir mit diesem Wahlkampfe zum letzten Male das Schauspiel einer bestialischen Verhetzung erleben! Feuilleton. Zerschossen und vergeben/ VI. Ludwig hatte seine Heimreise unter glücklichen Auspicien angetrcten. Der Himmel war heiter, die See ruhig. Schon bei der Hinreise war Ludwig von der Seekrankheit verschont geblieben, trotzdem er die jüdischen Speisegesetze auf das Strengste beobachtete und nur von den kalten Speisen zehrte, die er von Hamburg mitgenommen hatte. - Auch bei der Rückreise hatte er sich in New-Aork reichlich mit Lebensmitteln versorgt. Die meiste Zeit brachte er. ans dem Verdecke zu., und die Seeluft bekam ihm ausgezeichnet gut. Unter den Passagieren fand er ganz angenehme Gesellschaft, auch einige Glaubensgenossen, die in früher Jugend nach