Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 25 (1884)
- Issue
- Heft 75-76 (18.9.1884)
- Date
- 1884-09-18
- Page
- – (sequence 5)
- Language
- German
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1251 werthvoltcs Ehrengescheuk. Herr M. Weiß feierte in einer Ansprache, die er Namens des Bildungs- Vereins, dessen Vorsitzender Herr Neufeld seit seiner Begründung ist, hielt, die großen Verdienste, die der Jubilar sich um genannten Verein erworben hat, und überreichte demselben Namens der Vereinsmltglieder einen ebenso prachtvollen, wie kostbaren Eckermanu'schen Patent-Universal-Lehnseffel. Auch die freiwillige Feuerwehr, deren Vorstandsmitglied der Jubilar seit ihrem Bestehen ist, schickte ihre Vertretung zur Feierlichkeit und legte ihre Erkenntlichkeit durch Uebcrrcichnng eines wcrthvoltcn Regulators an den Tag. Tief ergriffen von so vielen Beweisen dankbarer Anerkennung konnte der Jubilar nur wenige Dankcnswortc Hervorbringen. Die schöne Feier schloß mit Absingen eines Liedes. — Möge es dem Jubilar vergönnt sein, noch recht lange segensreich, wie bisher, zu wirken. Berlin, 9. Sept. Vergangenen Sonntag ist am hiesigen Bett) Hamidrasch zum Nachfolger des Herrn Rabbiner Zombers scl. Andenkens Herr Abr. Biberfeld ans Brcslan definitiv gewählt worden. Berlin, 12. Sept. Die Massenausweisungen der russischen Juden nehmen täglich einen ernsteren Charakter an. Während bis vor wenigen Wochen die Betroffenen nur aus Berlin verjagt wurden, so daß sie sich anderswo niedertaffen konnten, lauten die neuesten Ausweisungen: „Sie haben binnen vierzehn Tagen oder vier Wochen das Gebiet des preußischen Staates zu verlassen". Statt nun durch eine kurze officielte Erklärung über die Ursache der Massenausweisungen der in Berlin wohnenden russischen Juden, die aufgeregte öffentliche Meinung zu beruhigen, schweigt sich die Polizei beharrlich aus und läßt alle Welt im Dunkeln herumtasten. Es ist rein unbegreiflich! Diese loyale Berliner Polizei, die nie die Oeffentlichkcit gescheut und sonst sehr schnell mit Erklärungen bei der Hand war, bricht in diesem Falle mit ihren bisherigen Traditionen vollständig und läßt lieber das Odium einer nnbegrciflichcn Härte auf sich ruhen, als durch eine freimüthige Auseinandersetzung sich zu rechtfertigen. Was mag wohl dahinterstecken? Wir vermuthen, daß dahinter gar nichts steckt und die Polizei keine Aufklärung giebt — weil die Sache ihr selber unerklärlich ist. Sie ist nicht weiter als ein blindes Werkzeug, in der Hand eines Höheren, sie ist das vollziehende Organ einer höheren Staatsraison. So seltsam diese Vermuthnng. auch klingen mag, sie findet ihre Bestätigung dadurch, daß eine andere, in den Sachen der russischen Colonie , ebenso kompetente Behörde, nämlich das hiesige russische Consulat, in Bezug auf die Vertreibung ihrer Schutzbefohlenen offenbar ebenso klug ist, wie Jedermann. Wie rathlos und thatlos sich die Herren im russischen Consnlate den bcschwerdcführendcn Russen gegenüber benehmen, zeigt deutlich folgender Fall, den die ,Berl. Ztg.« heute mittheilt. Ein Strohhutarbciter, der im Jahre 1880 in Rußland seiner Militärpflicht genügt, erhielt zum Lohne dafür einen „Erlaubnißschein" auf ein Jahr. Trotz der auffallenden Milde wollte cs dem Manne nicht einleuchten, warum er Berlin verlassen sollte; er begab sich daher ins russische Consulat und erhielt auf seine mündliche Beschwerde folgende charakteristische Antwort: „Was kann ich dafür? Die Polizei macht eben, was sie will. Ich würde nichts dagegen thuu können, wenn die Polizei — mich selber auswcist." Wenn diese Thatsache wahr ist, so giebt sie den Beweis dafür, daß das russische Consulat über die Ursache der Massenauswcisungen seiner Schützlinge ebenso wenig unterrichtet ist, wie die Redaktionen sämmtlichcr deutscher und russischer Zeitungen, lieber den Anlaß zu dieser Massenauswcisung könnten nur zwei Männer wirklich Auskunft geben, Fürst Bismarck und Fürst Orlow. Wurde düs Parlament gegenwärtig tagen, so dürfte durch eine Interpellation eine Antwort von der Negierung erzwungen werden. Bis jedoch der Landtag cinberufcn wird, ist das Unvermeidliche bereits geschehen und sind Tausende unserer Glaubensgenossen, die sich seit Jahren hier redlich ernährt haben, dem Elend und der Verzweiflung preisgegeben. Berlin, 12. Sept. Recht bezeichnend für die ganze „nationale Bewegung" ist die klägliche, wenig bencidenslverthe Rolle, welche das erste Antisemitcnorgan, das „Deutsche Tagebluii" in Sache der Mittistcrialvcrfügung spielt. Dieses Blatt war, wahrscheinlich durch die Güte eines ihm befreundeten Schuldirektors, zuerst in der Lage, die Verfügung des Ministers fast dem Wortlaute nach mitzutheilen. Kurze Zeit darauf brachte' dasselbe Organ eine „Zuschrift" ihres semitischen Reporters, in der der gerechten Entrüstung aller jüdischen Kreise die unlautersten Motive untergeschoben wurden. Von verschiedenen Seiten wurde dem „Deutschen Tageblatt" bewiesen, daß die „Zuschrift" eine Kette der imfamsten Lügen und Verleumdungen sei. Nun durfte jeder Mann, der auch nur einen Funken von Ehre besitzt, erwarten, daß das Blatt seine un-