Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 25 (1884)
- Issue
- Heft 74 (15.9.1884)
- Date
- 1884-09-15
- Page
- – (sequence 8)
- Language
- German
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Hut ab und öffnete ehrfurchtsvoll den Schlag. Eine schlanke Männergestalt, in welcher die Frau Nathansohn den Amtsrichter Stein erkannte, sprang aus dem Wagen und bot einer tiefverschleierten Dame die Hand zum Aussteigen, dann krochen drei kleine Knaben aus dem Innern des Wagens, in welchen Frau Nathansohn trotz ihrer sorgfältigen Einhüllung ihre Neffen, d. h. die Kinder ihres verstorbenen Bruders wahrzunehmen glaubte. Endlich löste sich die Erstarrung ihrer Glieder und ohne weitere Ueberlegung flog sie wie ein Federball aus dem Zimmer und befand sich im nächsten Augenblick bei der kleinen Gesellschaft. „Mein Kind, meine gute Rahel!" — schluchzte Frau Nathansohn, indem sie Nahel — denn sie war die verschleierte Daine — umschlang und heiße Küsse auf ihren Mund drückte — „Sei herzlich willkommen, Du unartiges Kind! Wieviel Kummer und Sorgen hast Du uns durch Dein verspätetes Kommen verursacht! Ich bin beinahe vor Angst gestorben und Papa ist vor Verdruß und Aerger krank geworden, Du böses, böses Kind Du!" „Das thut mir leid, liebe Mama!" sagte Nahel, indem sie ihren Schleier vom Gesicht zurückschlug mit liebenswürdigem Lächeln — „Und doch müsset ihr dem da, meinem Bräutigam-!" Sie stockte und eine heiße Vlutwelle schoß in ihr Gesicht, Wangen und Nacken mit flammender Nöthe bedeckend. „Dem Herrn Amtsrichter dankbar sein!" — verbesserte sie sich befangen — „daß Ihr mich überhaupt wiederscht, denn wäre er nicht im Augenblick der höchsten Gefahr mit Verachtung des eigenen Lebens zu meiner Rettung herbeigeeilt, wer weiß, ob ihr von meiner Leiche mehr als eine Hand voll Asche zu sehen bekommen!" Frau Nathansohn hatte nur die zwei Worte „mein Bräutigam" gehört, als sie ganz entsetzt zwei Schritte zurückwich, und die Hände zusammenschlug. Der übrige Redetheil Nahel's war ihr also entgangen. „Dein Bräutigam?" — frug Frau Nathansohn mit allen Zeichen des höchsten Schreckens — „Habe ich recht gehört? Meine Nahel, die Braut eines Christen?" Bevor noch Rahel und der Amtsrichter Zeit fanden 511 antworten, schrie Rebb Jauno, der Frau Nathansohn auf die Straße gefolgt, ganz bestürzt auf und gebärdete sich wie ein Wahnsinniger. „Wie heißt, die Kalle des Amtsrichters? Ich soll leben, ein Nuach roh^) ist in sie gefahren! Sie ein Mesch um cd heirathen? Nein beschirm auven *) nicht! Ich gebe es nicht zu! Soll der Rebbeleben sich von einem Meschumed masig gewnl 10) sein lassen? Nein elefalofim mal") nein! Chas wescholem! Ich habe ihr einen frommen choschewen Chosen bestimmt und damit basta!" Rebb Jauno hatte sich in Eifer herekngeredet, daß er gar nicht merkte, daß die Gesellschaft auf seine Vorstellung gar nicht mehr achtete, sondern, daß Frau Nathansohn aufmerksam auf die Worte, die der Amtsrichter zu ihr redete, lauschte. „Liebe Frau Nathansohn!" — erklärte der Amtsrichter — „Ihr Bedenken nimmt mich gar nicht wunder, denn ich habe hier die vielen Jahre nicht wie ein Jude gelebt, sondern habe Gott verleugnet und gelästert, die Vorschrift unserer heiligen Religion verletzt. Allein noch bevor ich Ihre Tochter kennen zu lernen die Ehre hatte, habe ich mein schuldvolles Leben innig und auftichtig bereut und hatte den festen Vorsatz gefaßt, die Bahn der Sünde zu verlassen. Ihre Tochter hat mich nur in meinen guten Vorsätzen bestärkt." — ... Nun erzählte Nahel mit dem Amtsnchter abwechselnd, wie sie einander kennen gelernt haben und von welcher Gefahr das Leben Rahels bedroht war und wie der Amtsrichter sie todesmuthig gerettet. Frau Nathansohn vergoß dabei viele Thränen und umarmte den Amtsrichter als ihren lieben Sohn. Auch Rebb Jauno weinte heiße Thränen, aber gegen eine Bereinigung Rahels mit dem Anltsrichter protestirte er noch immer energisch. Aber noch bevor er Zeit fand seinen Protest durch einen Wortschwall zu bekunden, kam Nathansohn in vollem Galopp über den Marktplatz gelaufen. Heiße Schweif tropfen rannen von seiner Stirn und er rang keuchend nach Athem. Es war ein Glück, daß es heute kein Markttag und der Marktplatz fast menscheuleer war, sollst würde Nathansohn sicherlich noch mehrere Mitläufer gefurrden, so waren es nur zwei Straßenjungen, die mit chm um die Wette liefen. Ohne auf die Anderen zu achten, umschlang er seine Frau und drückte sie stürmisch an seine Brust, daß chr schier der Athenr ausging. (Forts, f.) 8) böser Geist. 9) in keinerlei Weiset 10)' Concurren;. 11) tausend abermals tausend. gggT" Die Fortsetzung der Erzählung »Verschollen unv vergessen* erscheint in der nächsten Nummer. Hierzu eine Beilage. Verantwortliche Nedaction: vr. Lehmann in Mainz. — Expedition des »Israelis gr. Bleiche 40. - Druck und Verlag von Oscar Lehman» in Mainz.