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Der Israelit · 1884-09-11 · Heft 73 (11.9.1884) · page 10

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Journal
Der Israelit
Volume
25 (1884)
Issue
Heft 73 (11.9.1884)
Date
1884-09-11
Page
– (sequence 10)
Language
German
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1220 und sonstigen Utensilien des dermaligen Besitzers dient, konnte Schreiber dieses nicht beaugenscheinigen, derselbe soll jedoch, wie mir von glaubwürdiger Seite versichert wird', seine synagogale Bestimmung noch sehr gut erkennen lassen. Inschriften sind nicht mehr vorhanden. Es dürfte dieses wohl eine der ältesten Synagogen Deutschlands sein. Wenn diese Mauern reden könnten, von welchem Jammer wüßten sie zu erzählen, den sie unter denen oft wahrgenommen, die täglich die von ihnen umschlossenen Hallen mit Ehrfurcht betreten haben! Wie viel Thränen haben sie fließen sehen, wie viel Sender zu Gott emporsteigen gehört! Es waren wohl der niedergedrückten, kummergebeugten und angsterfüllten Gestalten gar viele, welche in diesen Hallen sich oft zusammenfanden; aberdiese äußerlich niedergebeugten, so furchtsam aussehenden Gestalten waren innerliche Helden! Sie wußten nicht blos für das idealste und heiligste Gut des Menschen, für die angestammte, gottoffenbarte Religion, zu leben, sonden sie hatten auch den Muth, für dieselbe zu sterben! Wie klein erscheinen doch so viele der Unsrkgen in der Jetztzeit, wenn sie bei jeder kleinen Entbehrung, bei jedem Opfer, welche die Religion ihnen auflegt, das Judenthum als eine Last betrachten, die sie gern von sich werfen möchten, wie klein erscheinen sie, trotz ihres aufrechten, selbstbewußten Daherschreitens, gegen diese gebückt und. furchtsam einherwandelnden Glaubensheldcn der Vorzeit, welche gern Alles aufgaben, Alles opferten, selbst das Leben, wenn es sein mußte, nur — die Religion nicht! Solche alterthümliche Stätten sollte man eigentlich zu erhalten suchen! Sie reden eine eigenthümliche, tiefergreifende Sprache! Sie schaffen uns wehmüthige Erinnerungen, aber auch heilsame Lehren! Später mußten die Juden die Carlsstraße, damals „Judenstraße", verlassen und mußten in die „Löbersgasse" übersiedeln, einer Gassen welche bis vor einigen Jahren durch die Ausdünstungen der hier befindlichenLohgerbereien die am wenigsten einladende aller Gassen und Gäßchen Eisenachs war. Auch hier soll eine Synagoge gestanden und im Anfänge des fünfzehnten Jahrhunderts noch vorhanden gewesen sein. Was die Ursache dieser Ausweisung der Jude» ans der Carlssttaße gewesen ist, berichtet die Chronik nicht. Man hat übrigens nicht nöthig, seiner Phantasie viel Anstrengung zuzumuthen, wenn man diese Ursache auffiuden will. Man braucht nur die Geschichte des Mittelalters zu kennen, wie man damals mit den Juden nmgesprungen ist, um darüber bald im Klaren zu sein. Die Straße mochte sich damals schon durch die Juden bald zu dem entwickelt haben, was sie jetzt auch noch ist, nämlich zu der lebhaftesten und bedeutendsten Geschäftsstraße Eisenachs. Nachdem sie das geworden war, schien sie für die Juden viel zu gut zu sein. Der Mohr hatte seine Schuldigkeit gethan und konnte gehen, oder vielmehr er mußte gehen. Es ist. stets und überall dasselbe Spiel, in der Vergangenheit, wie in der Jetztzeit. Die Vortheile, welche die Juden einem Orte bringen, das, was sie zum Aufblühen desselben beittagen, läßt man sich gern gefallen; aber die Früchte alles dessen gönnt man chnen nicht, die sucht man ihnen möglichst zu schmälern oder sie ganz zu entteißen. So auch hier! Die von üblen Gerüchen angefüllte enge Löbersgasse wurde ihnen als der Arbeit Lohn zugewiesen. , Die Chronik erzählt auch von dem „schwarze» Tode," jener furchtbaren Pest, welche wie ei» Würgengel Europa int Mittelalter durchzog und die Bevölkerung Deutschlands decimirte. Sie berichtet in Betreff der Juden: „Mit diesem Schrecken der Natur vereinbarte sich noch ein Nebel, von fanatischen Priestern angefacht. Den Juden wmde die Schuld der Sterblichkeit twMglich bekgemessen, weil solche die Brunnen vergiftet haben sollten. Eine unzählige Menge wurde in Deutschland qualvoll getödtet, ihre Wohnungen gingenin Flammen auf und sie stürzten sich selbst mit -ihren Weibern und Kindern verzweiflungsvoll in die angefachte Gluth. Der Kaiser und mehrere weltliche und geistliche Fürsten, denen die Juden ein schweres Schutzgeld jährlich zu enttichten hatten, vermochten sie nicht gegen die Wuth zu schirmen. Durch die vielfältigen Morde waren deren Einkünfte beträchtlich geschmälert worden. Die Stadt Erfurt mußte daher Einhundert Mark Silber als eine jährliche Entschädigung an den Erzbischof von Mainz erlegen." In einigen jüdischen Geschichtsbüchern wttd berichtet, daß auch die Inden Eisenachs damals von dem tollwüthigen Volke dem Feuertode überliefert worden seien. Die Chronik erzählt dieses zwar von andern thüringischen Städten, übergeht aber Eisenach mit Stillschweigen, vielleicht aus Lokalpatriotismus, vielleicht auch, weil dem Verfasser keine verbürgten Urkunden hierüber zu Gebote gestanden haben. Oder sollte Eisenach wirklich eine Ausnahme gemacht haben?") Dagegen berichtet die *) Anm. der Red.: Im alten Mainzer Memorialbuch wird auch der Märtyrer von Eisenach to:m gedacht. Daselbst wer» den die Märtyrer der nachstehenden Thüringischen Städte erwähnt: Erfurt, Mülhausen, Nordhausen, Meißen, Arnstadt, Ilmenau, Eisenach und Gotha. •*. * : *- t

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