Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 25 (1884)
- Issue
- Heft 73 (11.9.1884)
- Date
- 1884-09-11
- Page
- – (sequence 9)
- Language
- German
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Xxv. Jahrgang. Erste Keilllge;u Nr. 73 des Israelit. Zeitungsnachrichten und Correspondenzen. Deutschland. Ans Thüringen. Die Neuzeit hat in den Wohnsitzverhältniffen der großen und kleinen israel. Gemeinden Deutschlands merkwürdige Veränderungen bewirkt. Große Gemeinden in volkreichen Städten haben in einem Vierteljahrhundert ihre Mitgliederzahl verdrei-, vervier-, ja zum Theil verzehnfacht, während die kleineren Gemeinden in kleinen Städten und Dörfern immer mehr zusammenschrumpfen oder ganz zu existiren aufhören. Synagogen, welche sich seit undenklicher Zeit tagtäglich mit andächtigen Betern füllten, stehen verlassen, weil die Gemeinde sich nach allen Richtungen hin zerstreut hat, und in Städten, welche seit dem Mittelalter den Juden den Einsitz wehrten, erheben sich prachtvolle Synagogen.. Zu diesen Letztem gehört auch Eisenach. Die Synagoge, welche hier erbaut wird, "istinihrem äußeren .Aufbau - bereits vollendet; an dem innern Ausbau wird fleißig gearbeitet; derselbe kann jedoch vor den bevorstehenden hohen Festtagen nicht mehr fertig gestellt werden. Es ist ein stattliches Gebäude, in Backsteinrohbau mit Verziemngen und Gesimsen aus rothem Sandsteine ausgefiihrt und mit einem Rundthurme versehen, das einen imponirenden Eindruck macht. Es ist schade, daß sie sich nicht inmitten der Stadt befindet. Sie ist in der Wörthstraße, einer neuen, erst noch im Entstehen begriffenen Straße belegen. Die Heizung der Synagoge wird durch Oefen stattfinden. Man hat zwar einen Raum zur Anschaffung einer Orgel reservirt; von der Anschaffung einer solchen ist aber vor der Hand abgesehen worden, wird vielleicht auch ganz unterbleiben, da nach der bestehenden Synagogenordnung in dieser Beziehung auch das Landrabbinat ein Wort mitzusprechen hat. Bei Gelegenheit der Grundsteinlegung, welche ohne Sang und Klang stattgefunden hat, wurde auch Umschau in der Chronik Eisenachs gehalten, um das, was sich aus alter Zeit auf die Juden Eisenachs Bezügliches hier vorfindet, zugleich mit dem, was sich aus späterer und der neuesten Zeit über die jüdische Bevölkerung dieser Stadt berichten läßt, in einem eigenen Gedenkblatte zum Andenken . für spätere Geschlechter in dem Grundsteine zur Aufbewahrung niederzulegen. Schreiber dieses hat, hierdurch angeregt, später Einsicht von der Eisenacher Chronik genommen und theilt hiermit das uns Jnteressirende aus derselben mit. Die Daten gehören größtentheils dem nachbenannten chronikalischen Werke an, dem sie entlehnt sind: „Topographisch-historische Beschreibung der Stadt Eisenach von Johann Wilhelm Storch, Eisenach, bei Johann Friedrich Bärecke 1837." Das alte Eisenach befand sich nicht auf derselben Stelle, wo die jetzige Stadt steht. Der Ursprung des alten Eisenach verliert sich in das graue Alterthum; es muß schon früher ein ansehnlicher Ort gewesen sein, da im Jahre 451 sich der Hunnenkönig Attila daselbst aufgchalten und hier seine Vermählung mit Grimhilde, der Tochter des damaligen thüringischen Königs Günther vollzogen haben soll. Es wird vermuthet, daß auch in dem alten Eisenach schon Juden gewohnt haben. Zwischen dem Wege und der Hauptstraße, die nach Gotha führt,, diesseits des Siechenbaches, in der Gegend, wo jetzt die Wegegeldeinnahme steht, befand sich der jüdische Todtenhof. Ob derselbe schon zur Zeit des alten Eisenach existirt oder seine Anlage der jetzigen Stadt zu verdanken hat, läßt sich nicht mehr bestimmen. Die Erbauung der jetzigen Stadt soll Graf Ludwig II., der Salier genannt, im Jahre 1070 begonnen und im Jahre 1073 vollendet haben. Entweder haben die Inden bei dieser Gelegenheit erst Aufnahme in Eisenach gefunden, oder, was das Wahrscheinlichste ist, sind sie aus der alten, zugleich mit den übrigen Einwohnern, in die neue Stadt übergesiedelt. Sicher ist, daß sie die Carlsstraße gebaut und bewohnt haben. Diese Straße führte deßhalb auch früher den Namen „Judenstraße", wie man sie hin und wieder von alten Leuten jetzt noch benennen hört. Hier hatten sie auch eine Synagoge gebaut, welche merkwürdiger Weise jetzt noch vorhanden ist. Sie befindet sich in der Carlsstraße im Hose des Hauses Nr. 24 und gehört zu den Hintergebäuden dieses Hauses. Es ist ein äußerlich noch ziemlich gut erhaltenes, massiv aus Steinen erbautes Gebäude mit kleinen Fenstern. Den innern Raum, welcher zur Aufbewahrung von Waaren