Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 25 (1884)
- Issue
- Heft 73 (11.9.1884)
- Date
- 1884-09-11
- Page
- – (sequence 7)
- Language
- German
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121? AMD Verschollen und vergessen. V. Dorothea erwartete die Rückkehr ihres Bräutigams mit Sehnsucht. Jubelnd las sie den Brief, der dieselbe in nahe Aussicht stellte. Sie zählte die Wochen und Tage, die bis dahin noch verfließen mußten. Damals war die Verbindung mit Amerika noch keine so geregelte wie heutzutage. Die Ueberfahrt dauerte mindestens drei Wochen und wurde durch widrige Umstände häufig noch inehr verzögert. Woche auf Woche verging. Ludwig kam nicht und sandte auch keine Nachricht. Der Sommer war zu Ende gegangen und die hohen Feiertage nahten heran. Gleich nach dem Hüttenfeste hätte das Hochzeitsfest gefeiert werden sollen. Das Neujahrsfest rog ins Land, ihm folgte der Versöhnungstag und dann kam das heitere Hüttenfest, diesmal Tage der Trauer, Angst und Sorge für Braut, Freund und Schwestern. . Was war aus Ludwig geworden, warum kam. er nicht, warum schrieb er nicht? Sorgfältig wurden in den Zeitungen die Schiffsnachrichten aufgesucht. Da las Ferdinand zu seinem Schrecken, daß der Dampfer „Aviso" in Hamburg nicht angelangt sei, daß aber die Benlannung eines Segelschiffes auf hoher See die halbverbranuten Trümmer eines Dampfbootes bemerkt habe. Wahrscheinlich sei auf dem „Aviso" Feuer ausgebrochen und Ladung, Mannschaft und Passagiere mitsammt dem Schiffe elendiglich zu Grunde gegangen. Andere Nachrichten bestätigten bald nachher die traurige Kunde. Kein Zweifel, Ludwig hatte in den Wellen des Meeres sein frühes Grab gefunden. Der Schmerz Dorotheas war grenzenlos. Vergebens bemühten sich die Eltern, sie zu trösten. „O," sagte sie unter strömenden Thränen, „wenn er gestorben wäre, und auf dem Friedhofe läge, so könnte ich doch täglich sein Grab besuchen! Aber auch dieser Trost ist mir versagt. Die gefräßigen Raubthiere des Meeres haben sein Fleisch gefressen , und auf einem einsamen Eilande bleichen seine Gebeine! Für mich ist jede Hoffnung erstorben; ich wünsche nichts als den Tod." „„Hartherziges Kind,"" sagte die Mutter. „„Hast Du denn nicht ein Fünkchen Liebe für mich und den Vater? Du bist unser einziges Kind, unsere einzige Hoffnung, nufere einzige Freude. Dein Schmerz ist gerecht; aber Du mußt ihn zu beherrsche» suchen."" Da umarmte Dorothea die Mutter und weinte laut. Der Vater trat hinzu und sagte: „Höre auf, Kind, und sei vernünftig! Du warst doch nicht seine Frau. Du warft erst seine Braut. Sei froh, daß die traurige Geschichte vor und nicht nach der Hochzeit passirt ist. Nach jüdischem Gesetze hättest Du sonst Dich nie wieder vermählen können, da es unmöglich ist, unter derartigen Umständen den mit Bestimmtheit erfolgten Tod zu constatiren. So aber ist die Geschichte nicht so schlimm. Die Zeit wird Deinen Schmerz lindern, und Du wirst Deine Liebe einem andern Manne schenken." „„Vater, sprich nicht so, Du thust mir unendlich wehe!"" Ferdinand Kopp wurde gemeldet. „Laß ihn eintreten, Mutter, mit ihm kann ich von meinem unendlichen Schmerze reden; er hat seinen Freund wahrhaft geliebt!" Ferdinand Kopp trat ein; er sah abgehärmt aus. „Ich habe mir im Geschäfte," sagte er, „Urlaub nehmen ulüssen; ich bin ganz unfähig zu arbeiten. Meine Gedanken verwirren sich. Wenn ich etwas schreiben-soll, so kommen mir unwillkürlich die Worte in die Feder: ariner, armer Ludwig!" „„Ja, Herr Kopp,"" sagte Dorothea unter strömenden Thränen, „„Sie waren sein Freund, sein wahrhafter Freund, kommen Sie doch häufig zu uns, danlit ich mich mit Ihnen von ihm unterhalten kann. Es ist das noch die einzige Freude, die mir auf Erden blüht."" Gern erfüllte Ferdinand die Bitte der Geliebten des verlorenen Freundes. Er wurde ein täglicher Gast im Frank'schen Hause. Anfangs unterhielt er sich mit Dorothea ausschließlich von dem in den Fluthen des Meeres Begrabenen. Allmählich fingen die Beiden an, auch für andere Dinge Interesse zu gewinnen. „Höre, einmal, Marianne," sagte eines Tages Herr Frank zu seiner Ehegenossin. „Ich glaube, es spinnt sich etwas an zwischen Dorothea und Ferdinand. Dieser Herr Kopp ist zwar keine so gute Partie wie der verstorbene Bär: allein, in gewisser Beziehung ist er mir doch lieber. Er ist wenigstens kein solcher Principienreiter wie sein verstorbener Freund. Er ist auch fromm; aber verständig dabei. Seitdem er bei unsso häufig verkehrt, trinkt er unseren Wein und verschmäht