Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 25 (1884)
- Issue
- Heft 73 (11.9.1884)
- Date
- 1884-09-11
- Page
- – (sequence 6)
- Language
- German
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1216 fragen das Recht habe, ein gesetzlicher? Ich erwidere entschieden: „Nein!" — Wir vergessen immer Eines, daß wir nämlich in unserer Constitution das Princip der Gleichberechtigung aller Fremden, politische Rechte zu erlangen, festgestellt haben, oder besser gesagt, wir halten immer de« alten Glauben fest, daß die Juden anders behandelt werden müssen, als die andern Fremden. Denn was bedeutete sonst dieses systematische Zurückstoßen eines jeden Juden? Meint die gesetzgebende Kammer ein gutes Beispiel zn geben, wenn sie nach individuellem Ermessen einen unbedingt gegebenen Artikel unserer Verfassung illusorisch macht? Ich erhebe mich gegen diese Tendenz, sowie ich mich gegen jede Tendenz erhebe, einen gesetzlichen Zustand der Dinge durch einen entgegengesetzten ersetzen zu wollen. Ich kann nicht annehmen, daß der tm Jahre 1879 modificirte Artikel 7 der Form halber modificirt worden sei; wir niüffen ihm die Wirklichkeit verleihen, die er zn beanspruchen das Recht hat. Doch lassen wir die Legalität bei Seite. Ist das, was seit einiger Zeit in Bezug auf die Juden geschieht, weise, politisch? Ich bin überzeugt, daß dies nicht der Fall ist. Wir haben den Artikel 7 deßhalb in die Constitution eingcschoven, damit wir im In- und Auslande von einer Judenfrage verschont bleiben, fahren wir aber weiter so fort, wie wir vor ungefähr drei Jahren begonnen haben, so bringen wir sie wieder auf's Tapet. Mit einem zur Zeit der Roth der Form halber abgepaßten platonischen Artikel wird eine stets lebendige und complicirte Frage nicht gelöst. Nur, wenn wir Loyalität und politischen Sinn in die Vollziehung eines in unsre Constitution neu aufgenommenen Principes setzen, können wir die Geister beruhigen und Vertrauen einflößen. Sage Jemand, ob das, was in der Kammer seit einiger Zeit mit den das Jndigenat betreffenden Gesuchen der Juden vorgeht, Vertrauen in den Nechtlichkeitssinn der Deputirten einflößt? Noch mehr! Seit einiger Zeit> ist eine Anzahl „die Rumänen beschützende" Gesetze erlassen worden, die aber speciell gegen die Juden gerichtet sind. Das Gesetz des ambulanten Handels ist eines der letzten. Im allgemeinen setze ich gar kein Vertrauen in die Wirksamkeit solcher praktische Erfolge, bezweckender Gesetze. Fast immer wird jener Zweck deshalb verfehlt, weil sich jene Gesetze in schlechten und anormaleen Bedingungen zeigen. Wie dem aber auch sein mag, Jeder hat das vom Glauben in die Wirksamkeit oder Nichtwirksamkeit solcher Gesetze unabhängige Rechte zu verlangen, daß wenigstens jene Gesetze keinen Mißbrauch veranlassen uud die Welt nicht umsonst zum Narren gehalten wird. Dies bezüglich muß ich gestehen daß das Gesetz des ambulanten Handels auf sehr mißbrauch liche Weise gehandhabt wird. Unter dem Vorwände des ambulanten Handels werden arme unschuldige Leute verhaftet, auf den Polizeibureaux so lange eingesperrt, bis „ihre Sachen in Ordnung gebracht sind", als wenn es sich um überführte Verbrecher handelte, werden sodann vor den Richter geführt, der sie in aller Eile verurthellt, die Geldstrafe im Augenblicke selbst in eine Arreststrafe verwandelt, ohne daß das Vermögen der Vernrtheilten in Rücksicht gezogen wurde und werden endlich eingekerkert. Prompter kann man wahrhaftig nicht sein. Wenn nun einer meint, durch solches Verfahren seine Pflichten als Patriot zu erfüllen, so hat er einen sehr traurigen Begriff von Patriotismus. Der Patriotisnms einer Nation darf und soll nicht ein Gemisch sein von Unredlichkeit, Verfolgungssncht und Prunken Jedweder» gegenüber sein. Der nicht vom selben Blute ist. Es ist meiner Ansicht nach genug, daß das Gesetz des ambulanten Handels im Text und im Geiste dem stabilen Handel höchst schädlich ist — wie dies die Folge zeigen wird; — wenigstens sei es mit Unparteilichkeit angewendet. Ein anderes fiir mich sehr böses Zeichen ist die Art, wie gewisse Blätter ihre feindlichen Gesinnungen den Inden gegenüber äußem. Es gibt Dinge, die nicht gesagt werden dürfen, wie groß auch der Haß sei, den man gewissen Menschen entgegenträgt, und ein Publicist kann keinen größeren Act der Grausamkeit begehen, als wenn er in einem Referat über einen Juden, der sich erhängt hat, bemerkt: „Nur Einer? Warum nicht gleich Alle?" Solche Dinge führen um keinen Fingerbreit die Sache des Romanismus weiter, sie brandmarken uns im Gegentheil als Fanatiker. — Das Sonderbare dabei ist, daß wir, so oft es nöthig ist, uns der Toleranz zu brüsten, die alte historische Sentenz anführen: „Der Rumäne ist stets tolerant gewesen!" und daß so oft wir mit dem Liberalismus Parade machen wollen, wir die andere Maxime geltend machen: „Der Rumäne ist liberal von Natur aus!" — Es wäre für unser Prestige als geblldetes Volk, ja selbst für die Entwicklung unserer produktiven Kräfte geeignet, daß wir durch Thalsachen unsere Toleranz und unfern Liberalismus beweisen, die Legenden aber in dm literarischen Sammlungen ruhig schlafen lassen. Es ist leicht liberal zu sein, wenn der Liberalismus nützen kann; in diesem Sinne sind die größten Despoten die liberalsten Leute. Schwer aber ist es liberal für Andere zu sein und der wahre Liberalismus liegt darin, daß man in stder Sache seine Kaltblütigkeit wahre. Ein solcher Liberalismus thut uns sehr noch."