Mannheim
Compact Memory

Der Israelit · 1884-09-11 · Heft 73 (11.9.1884) · page 3

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Der Israelit
Volume
25 (1884)
Issue
Heft 73 (11.9.1884)
Date
1884-09-11
Page
– (sequence 3)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
94% known words query
IRI
…/2446951-2449406-2449476--20815-2510363
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

1213 Schofar. Von Rabbiner Dr. Ehrmann. I. Als uns dieses Jahr in den ersten Elultagen die Schofartöne wieder grüßten, waren genau vierzig Jahre verflossen, seitdem die erste Rabbinerversammlung eine Commission niederzusetzen beschlossen hatte, um zu berathen, ie ivwnjrpn ansprechender, das ästhetische Gefühl weniger beleidigend, eingerichtet werden könne." Jene Commission und ihre Beschlüsse, sind langst den Weg aller Rabbinerversammlungen gegangen, auch die Urheber jenes Antrags ruhen längst im Grabe — aber der Schofar tönt fort. Sie werden, wenn einst Gottes Schofarruf die Gräber sprengen und die Heimgegangenen vor seinen Richterstuhl laden wird, jenes alte Gottessignal vielleicht noch weniger ansprechend finden, und in diesem einen Puntte wenigstens conseqnent geblieben sein. Denn conseqnent hat der Haß gegen alles positiv Jüdische jedenfalls gehandelt, wenn er im Begriffe den Abfall und den Verrath am alten Gottesgesetz in officielle Formen zu kleiden, in erster Reihe Mizwath Schofar der geringschätzigen Verachtung der Zeitgenossen preis zu geben suchte. Denn, wenn es den weltklugen jüdischen Abböe's auch wirklich gelungen wäre,- mit ihrem Beispiele des Treubruchs am überkonimenen Vätererbe alle Geister zu blenden, alle Gemüther zu bestticken mid an Stelle des alten Judenthums die coquettirende Modereligion ihrer Mache zu setzen, die bloßen Schofartöne an der Jahresschwelle hätten genügt, um das dürftig zusammen gezimmerte Kartenhaus, das sie „Reformjudenthum" nannten, über den Haufen zu werfen. Diese schlichten, geraden, gebrochenen und schwellenden Töne des alten Gottessignals schmettern doch rückhaltlos die Lüge und Täuschung nieder, welche sich und andere bereden will, Gott selbst habe seinen Willen für antiqnirt erklärt, Er selber habe fiir die neue Zeit den Disims von seinem alten Gesetze gutgeheißen, Er elber verlange in unserem fortgeschrittenen Jahrhundert gar nicht mehr den strengen unverbrüchichen Gehorsam für sein Wort, den er zur Zeit einer Offenbarung allerdings gefordert. Es ist »och derselbe, alte Schofarhall, mit dem Gott unere Väter und Mütter einst um den Sinai verammette, um ihnen seine Thora anznverttanen, und riese Thora sollte für abgesetzt erklärt werden können, während der Ruf zu ihr derselbe geblieben ist? Ob ein Ton, ein Wort, ein Gesetz ansprechend oder nicht ansprechend, das ästhetische Gefühl beleidigend oder befriedigend ist, hängt ja nicht von ihm allein, sondern vor allen Dingen von der subjectiven Auffassung desjenigen ab, an welchen sich diese Aeußerungen richten. Der schrille Pfiff des Dampfrosses, welchen, das achtlose Ohr erschreckt und verletzt, wird von dem Reisenden als das ersehnte Signal begrüßt, welches ihm den Aufbruch zu dem erstrebten Ziele bedeutet. Eine Hirtenflöte würde ohne Zweifel ansprechender und dem ästhetischen Gefühle gemäßer klingen, aber es ist doch mehr als fraglich, ob das Ansprechende und Aesthetische in diesem Falle das letzte, entscheidende Wort zu sprechen habe. Auch der heisere Schrei des Nebelhornes, mit dem ein Schiff das andere vor gefahrdrohendem Zusammenstoß warnt, klingt nicht sehr ansprechend, aber wer wollte auch nur bezweifle», daß es seinen Zweck besser erfüllt, als ein nach allen Regeln der Aesthetik hinansschallender Akkord? Wenn erst die Anschauungen, die für den Concertsaal und die Oper maßgebend sind, auch der Maßftab für den Gottesdienst geworden sein werden, wie ihn das überlieferte Jndenthnm vorschreibt, dann dürfte auch die Zeit gekommen sein, um die Schofartöne den Forderungen der Aesthetik gemäß zu gestalten. Einstweilen aber trennt diejenigen, deren Gefühl durch den Schofar beleidigt wird, eine tief klaffende Kluft, von den Trägern unserer großen Vergangenheit. Denn Jene fanden den Schofar in so hohem Grade ansprechend, daß sie durch die Macht seines Rufes und der sie begleitenden Gottesstimme überwältigt, dem Herrn des Himmels und der Erde jene Gesinnung entgegenbrachten, der Gott selber seine Befriedigung durch den Wunsch aussprach, daß sie von allen Nachkommen aller Zeiten, getheilt werden möge. (V. B. M. V. 26.) Tin n*n'7 uro nr d327 srni sw p OW3371 Dn7 213";zw7 D'DM 72 'M2I2 72 HK •D7,iy ny Es war dies eben jene Gesinnung, welche sich in den Welteneid ywyi yiry: kleidete, mit dem die Ahnen für sich und alle Geschlechter die treue Erfüllung des Gottesgcsetzes und den unverbrüchlichen Gehorsam gegen dasselbe gelobten. Vielleicht hätte aber selbst am zitternden Sinai die Stimme Gottes und seines Schofars nimmermehr solche Gesinnung geweckt, hätte sie nicht Ohr und Herz eines Volkes getroffen, das schon Tage lang durch mannigfache Veranstaltungen für diesen Moment gerüstet und vorbereitet war. (Fortsetzung folgt.)

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.