Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 25 (1884)
- Issue
- Heft 71 (4.9.1884)
- Date
- 1884-09-04
- Page
- – (sequence 9)
- Language
- German
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LLV. Jahrgang. SeUaze zu Nr. 7l des Israelit. Leitender Artikel. Sogenannter und wirklicher WierschuH. Während in London und Wien, in Schlesien und Bayern und allen voran in der freien Schweiz, die sogenannten Thierfchutzvereine eine rührige Agitation gegen das Schächten als Thierquälerei entfalten, wird in allen Kulturstaaten unter dem Namen Vivisection eine Thierfolter gehandhabt, deren unerhörte Greuel von Tag zu Tag größere, achtunggebietende Kreise mit Entsetzen und Entrüstung erfiillen, ohne daß die Thierschutzvereine, die „sogenannten" wenigstens, das Bedürfniß, oder den Muth fühlten, gegen diese empörende Mißhandlung der Thiere ein verurtheilendes Wort zu sprechen. Gegen die Juden und ihr rituell vorgeschriebenes Schlachtverfahren zu eisern, ist allerdings mit weniger Risico verbunden, als ein entschiedenes Vorgehen gegen die Vivisectoren, welche die ersten Professuren und Lehrstühle der heutigen medicinischen Wissenschaft inne haben. Aber man darf über den Eifer, der gegen das Schächten nicht laut genug poltern und gegen die Vivisection nicht leise genug schweigen kann, wohl seine eigene Meinung haben, um sie seiner Zeit mit den vielen Eigenthümlichkeiten zur Sprache zu bringen, die diesem Eifer sonst noch anhasten. Die Vivisection d. i. die Zerschneidung lebendiger Thiere für wissenschaftliche Zwecke war schon wiederholt Gegenstand von Petitionen, welche auf Beseitigung wenigstens der empörendsten Gräuel gerichtet sind. „Das Wort Vivisection", heißt es in einer solchen Petition an den Fürsten Bismarck, birgt in sich die entsetzlichsten Martern mit bewußter Empfindung begabter Geschöpfe, von denen überdies der größte Theil dem Menschen mit besonderer Anhänglichkeit zugethan ist. Hinsichtlich ihres praktischen Nutzens für die Menschenheilkunde von höchst zweifelhaftem, vielfach sogar ganz bestrittenem Wertbe, sind die furchtbaren Martern jedenfalls vom höheren Standpunkte der Religiösität und Moral durchaus verwerflich und strafwürdig. Diejenigen, welche sie vertheidigen, pflegen sich namentlich auf die Freiheit der Wissenschaft zu berufen, als ob diese Freiheit gleichbedeutend wäre mit einem Freibrief für an sich verbrecherische, jedes menschliche Gefühl auf das tiefste verletzende;'. Handlungen." Auf diese durch den internationalen Verein zur Bekämpfung der Vivisektion Namens mehr als 6000 Bittsteller eingereichte Petition ist von dem Reichskanzler eine Antwort erfolgt, in welcher derselbe ebenfalls seine Entrüstung über die Ausschreitung der Vivisection ausspricht, und es bedauert, daß seine unzulängliche Arbeitskraft ihm nicht gestattet auf die Einschränkung dieser thierquälerischen Experimente hinzuwirken. Die Angelegenheit beschäftigte dann auch das preußische Haus der Abgeordneten, wo sie zur Parteisache gestempelt wurde und daher, wie aus verschiedenen anderen Ursachen, nicht den von. den Petenten gewünschten Erfolg erzielte. Um so eifriger trat „der internationale Verein gegen die Vivisektion" unter der Führung seines unermüdlichen, hochverdienten Vorsitzenden Herrn Ernst von Weber in den Kampf gegen die wissenschaftliche Thierfolter, so daß dieser Verband einschließlich der verschiedenen sich zusehends mehrenden Zweigvereine, heute bereits mehrere tausend Mitglieder zählt, unter denen die Elite der Gesellschaft in ganz hervorragender Weise vertreten ist. Unter den Mitgliedern des Vereins befinden sich 25 fürstlichen Ranges, darunter Ihre Königliche Hoheit die Frau Prinzessin von Schwede;; und Norwegen, Ihre Großherzogliche Hoheit, die Frau Prinzessin Marie von Baden, Ihre Durchlaucht die Frau Fürstin von Bismarck, Seine Großherzogliche Hoheit Georg, von Oldenburg, Cardinal Manniug, Erzbischof von Westminster, ferner zwei Königl. Preußische Minister und 28 Generäle der deutschen Armee rc. Der Jahresbeitrag für stinnnberechtigte Mitglieder ist auf 3 Mark als Minimum festgesetzt; Beitrittserklärungen sind zu richten an den Internationalen Verein zur BekämpfungderT hierfolter Dresden, Amalienstraße 8.