Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 25 (1884)
- Issue
- Heft 71 (4.9.1884)
- Date
- 1884-09-04
- Page
- – (sequence 7)
- Language
- German
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1185 Feuilleton. Verschollen und vergessen.. IV. Ludwig sollte in dieser Nacht noch mehr erleben. Sem Weg führte ihn an einem Hause vorbei, das in der ganzen Stadt als eine geheime Spielhölle berüchtigt war. Mehrere junge Leute verließen gerade das Haus, und Ludwig erkannte in einem derselben zu seinem Schrecken seinen Cassierer Carl Hochstetter. Carl war gleichzeitig mit Ludwig in das Geschäft des alten Bär eingetreten und hatte sich bald durch Fleiß und Pünktlichkeit das Vertrauen feines Principals erworben. Wegen seiner großen Zuverlässigkeit hatte ihm Jakob Bär die Caffe übergeben, nnd Ludwig hatte ihn bei diesem Posten belassen. Die Entdeckung, daß sein Kassierer ein Spieler sei, konnte natürlich dem jungen Chef nicht gleichgiltig sein. Er blieb stehen, nm genau zu beobachten nnd sich zu überzeugen, ob er sich wirklich bei dem schwachen Lichte der Laterne nicht geirrt habe. Carl Hochstetter, dessen Wohnung in gegengesetzter Richtung lag, ging gerade auf Ludwig zu. Auch er erkannte seinen Principal, und Leichenblässe überzog sein Antlitz. Rasch drehte ^er.sich, um und lief eiligst davon. Ludwig nahm sich vor, den jungen Mann künftig sorgfältig zu beobachten und ihn bei der ersten Gelegenheit von der Kaffe zu entfernen. Er begab sich nach Hause und, ermüdet wie er war, schlief er bald ein. Carl Hochstetter aber suchte in dieser Nacht seine Lagerstätte nicht auf. Schon lange hatte er verbrecherische Pläne geplant, deren Ausführung durch die Begegnung mit seinem Prineipale beschleunigt wurde. Er eilte in ein abgelegenes Gäßchen der Vorstadt und klopfte dreimal an das Fenster eines Parterrestübchens. Sticht lange darauf wurde die Thüre eines Häuschens geöffnet, und ein verdächüg aussehender Mann trat auf die Straße. ,,Friv," sagte Hochstetter, „der Augenblick, von dem ich Dir schon lange sagte, ist da. Noch in dieser Nacht wollen wir es ansführen; wir entfliehen dann zusammen nach America." „„Ich bin bereit,"" sagte Fritz. Ich will nur mein Handwerkzeug holen."" Ani andern Morgen herrschte große Aufregung im Hause Ludwig Bärs. Durch ein offenes Fenster waren in der Nacht Diebe eingestiegen. Die Kasse stand offen und war ihres Inhalts, der ungefähr '10,000 Thater betragen hatte, beraubt. „Das hat kein Anderer als Carl Hochstetter gethan," rief Ludwig, als er von dem Verbrechen in Kenutniß gesetzt wurde. Seine Vermuthung bestätigte sich; denn der ungetreue Cassirer kehrte nicht in das Comptoir zunick. Zu jener Zeit gab es noch keine Telegraphen. Wer einen Flüchtling verfolgen wollte, mußte sich selbst auf den Weg machen. Es unterlag wohl kaum einem Zweifel, daß der Dieb sich nach Hamburg begeben würde, um von da nach Amerika zu entfliehen. Ludwig entschloß sich daher, sofort dorthin zu reisen, um dem Verbrecher seinen Raub wieder abzujagen. Immerhin kostete es einige Zeit, bis er sich die nöthigen Papiere zu seiner Legitimation .und zur Inanspruchnahme der Behörde verschafft hatte. Nur mit wenigen Worten konnte er Abschied von seiner Braut, seinen Schwestern und seinem Freunde nehmen. Dann fuhr er mit Extrapost der großen Handelsstadt zu. Schon auf der nächsten Station erlangte er die Gewißheit, daß er auf der richtigen Fährte sei. Zwei Männer, von denen der eine unzweifelhaft der Beschreibung nach Hochstetter war, waren in einem Micthwagcn beim Posthause angefahren und hatten Extrapost in der Richtung nach Hamburg genommen. Die Vermuthuug wurde von Station zu Station zur Gewißheit. Aber die Verbrecher hatten einen zu großen Vorsprung. Auch in Hamburg war ihnen das Glück günstig gewesen. Sie hatten ein Dampfboot vorgcfunden, welches sie schon am Tage nach ihrer Ankunft aufnahm, um sie nach New-Iork zu befördern. Als Ludwig Hamburg erreichtebefanden sich die Verfolgten auf hoher See. Ludwig zögerte nicht, über das große Weltmeer zu fahren, nm dort sein Eigenthum zurückzuerobern. Er wartete die Abfahrt des nächsten Dampfbootes ab, nnd kam glücklich in New-Iork an. Hier begab er sich sofort auf das Polizeibüreau, das ihm einen Detective zur Verfügung stellte. Lange streiften die Beiden in New-Iork umher; vou einem Carl Hochstetter war keine Spur zu finden. Schon hatte Ludwig jede Hoffnung aufgegeben und gedachte mit dem nächsten Dampfer nach Europa zurückzukehreu, da bemerkte er bei Gelegenheit eines Volksfestes mitten im Gedränge einen Mann, der weiße Beinkleider trug. „Sehen Sie den Mann mit den weißen Beinkleidern," sagte er zu dem Detektiven. „Die Gestalt, die Manieren, die Bewegungen stimmen auffallend mit denen meines entflohenen Kassierers überein; auch liebt er es, iu heißen Sommertagen