Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 25 (1884)
- Issue
- Heft 70 (1.9.1884)
- Date
- 1884-09-01
- Page
- – (sequence 9)
- Language
- German
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XXV. Jahrgang. Beilage;u Ur. 70 des Israelit. Leitender Artikel. Aas nalurwi/sen schafttiche und das religiöse Bewußtsein. Wie erklärt sich die Thatsache, daß in unserer Zeit zumal unter den Jüngeren die Zahl derer im stetigen Abnehmen begriffen ist, die zu dem höchsten Ideal der Weisheit und Gerechtigkeit aufblicken — in Dankbarkeit, wenn Freude die Brust schwillt, in Hoffnung, wenn Kummer die Seele gefangen hält, mit anderen Worten: wie kommt es, daß den Menschen unserer Zeit das religiöse Bewußtsein abgeht? So oft diese Frage aufgeworfen wurde, ebenso oft erhielt man von Seiten der Befragten die Antwort: Der tiefe Einblick in die treibenden Kräfte und Mächte der Welt, den uns die heutige Naturwissenschaft thun läßt, unser naturwissenschaftliches Bewußtsein zwingt uns gerade mit den religiösen Anschauungen'zu brechen und dieselben als mit unserem neuerwachten Bewußtsein im Widerspruch stehend zu verwerfen. Die religiösen Anschauungen sind nunmehr antiquarischen Charakters und können nur noch historisches Interesse abgewinnen, weil der alte, religiöse Glaube Vorstufe des neuen naturwissenschaftlich-phllosophischen ist. So ungefähr lauten die Reden derer, die als Conservative unter den Antireligiösen gelten können, während das alleinige Pochen auf das naturwissenschaftliche Bewußtsein, womit die heutige Wissenschaft sie erfüllt, denen eigen ist, die eine geradezu feindliche Stellung gegen alle und jede Religion einnehmen, die wie Radikale unter. den Antireligiösen sich geberden. Steht das naturwissenschaftliche Bewußtsein in Wahrheit über dem religiösen? Ich frage, um inmeäLaoreo zu kommen: Kann die heutige Wissenschaft die Thatsache genügend erörtern und erklären, daß im menschlichen Gehirn, das wie die Gehirne von Thieren, mit denen der Mensch auch nur gleichzeitig auf dem Schauplatz der Natur erschien, gleiche Umbildungs- und Anpaffungsprozesse durchmachen mußte, schon vor mehreren tausend Jahren Anschauungen über Humanität, über Gesittung, Recht und Freiheit keimten und zur Reife gelangten, über welche die ganze heutige Gelehrtenrepnblik noch lange nicht hinausgekommen, ist? Wie kommt es, daß, wo das Wissen der Geschichte beginnt, der Mensch als durch Aeußeres und Inneres wesentlich von der übrigen Thierwelt verschieden erscheint; wie kommt es, daß zwischen den Lebensbethätigungen eines der entwickeltesten, mit windungsrcichem Gehirn begabten thierischen Wesen, des Affen oder des Elephanten, und denen des menschlichen normal entwickelten eine Kluft gähnt, die nimmer zu überbrücken ist? Man muß, um diese Verschiedenheit der höchstentwickelten thierischen und der nornial entwickelten menschlichen Intelligenz zu erklären, eine aufsteigende und bis ins Unendliche reichende Reihe thierischer und halbmcnschlicher Existenzen annehmen, oder, da diese Annahme allzu illusorisch, eine besondere Schöpfungstheorie für den Menschen aufstellen, um alle jene Erscheinungen auch mir halbwegs zu begreifen, die nicht jenem Gebiete angehören, wo sich der Kampf um's Dasein erfahrungsmäßig abspielt. Und wo gäbe es eine Schöpfungstheorie des Menschen, welche an Klarheit und Erhabenheit derjenigen gleichzustellen wäre, die in dem Satze gipfelt: Der Leib ist, weil stofflichen Ursprungs, den Gesetzen des Stoffes unterworfen, entsteht und vergeht; das Princkp aber, das allen Erscheinungen menschlicher Intelligenz zu Grunde liegt, ist der Geist Gottes, der in uns lebt und webt, schafft und wirkt, das Princip des Mikrokosmos ist identisch mit dem des Makrokosmos, denn der menschliche Geist ist ein Theil des Gottesgeistes, der das Weltall durchweht. Auf diese Schöpfungstheorie der jüdischen Religion gründet sich dann das ethische Postulat, beide Seiten des Lebens, das leibliche und seelische, durch harmonische Durchdringung zum Ganzen zu vereinen, es mit der strahlenden Krone wahren Menschthums auszustatten. So muß es auch sein. Der höchsten metaphysischen Erkenntniß muß sich die höchste ethische Bethätignng anreihen. Fürwahr weder Chemie noch Mechanik des Gehirnlebens, weder Phosphorescenz — noch elektrodynamische Erscheinungen in demselben können zur Erklärung dessen dienen, daß beim Anblick menschlichen Elends und Jammers Gefühle sich in uns regen, die zur lindernden That auffordern, daß beim Anblick eines Sterbenden, mit dem, für den wir gelebt, gestrebt, gelitten, entbehrt, aus dein Gewühl überströmender