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Der Israelit · 1884-09-01 · Heft 70 (1.9.1884) · page 10

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Journal
Der Israelit
Volume
25 (1884)
Issue
Heft 70 (1.9.1884)
Date
1884-09-01
Page
– (sequence 10)
Language
German
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1172 Gefühle des Schmerzes der Wunsch und die Hoffnung auf Wiedervereinigung aus des Herzens Tiefe sich stummberedt auf die Lippen drängt. Eine Philosophie aber, die das Gemüths- und Geistesleben nicht begreifen lehrt, weil sie es auf mechanische und chemische Gesetze zurückführen will, wird ihren verderbenden Einfluß erst da recht geltend machen, wo sie praktische Disziplin werden soll, wo sie in's ethische Gebiet hinüberspielt. Recht sinkt zur Herrschaft der Gewalt herab, Gerechtigkeit ist der Macht unterworfen, aus Freiheit wird eiserne Nothwendigkeit, an Stelle des Wir, der Gesammtheit tritt das engherzige Ich, aus dem Ideal der.Güte, des Wohlthuns, des Edelsinns, der Opfcrfähigkeit wird das Idol des Egoismus, der List, der Tücke und Scheelsucht. Wir haben bis jetzt nur von der Welt im Kleinen gesprochen, weil sie trotz Mannigfaltigkeit und Reichthum der Erscheinungen, die zum Denken anregen, doch eine begrenztcre und zugänglichere ist. lind schon da und nur bei einem einzigen Moment hat es sich gezeigt, daß die Naturwissenschaft zur Erklärung dieser Erscheinungen, wenig dienen kann. Wie erst, wenn sie das unendliche All in seinem Werden und Sein begreifen lehren soll! VonThales bis Schelling und bis in unsere Zeit herab haben große Denker das Rüthsel des Alls zu lösen gesucht. Ist es nur einem einzigen halvwegs gelungen? Die Geschichte der Philosophie antwortet mit einem entschiedenen Nein. Denn trotz der Bereicherung der Kenntnisse und trotz der Gewandtheit im Erfassen von Begriffen und bei allen wichtigen Einblicken in manche Seiten des Geistes- und Naturlebens, sind doch nur kärgliche Bruchstücke, Fragmente gewonnen worden, um den geistigen Urheber altes Dessen, was ist, um die höchste Wahrheit, um das oberste Princip in eine wissenschaftliche Form zu zwängen. Vollends erbärmlich muß der Versuch der heutigen Naturwissenschaft trotz ihres gewiß hohen Fortschrittes ausfallen, das Uebernatürliche natürlich, das Geistige mechanisch zu erklären. Wo bleibt die Exaktheit, auf die man sich allenthalben so überaus viel zu gute thut, wenn man, um z. B. die Schöpfung nur einigermaßen unserem Fassungsververmögen näher zu bringen, mit unendlichen, werthlosen Zahlen und mit inhaltsleeren Begriffen Heranrücken muß, die nur Unklarheit und Unverständigkeit fördern, heißt das vielleicht natürliche Schöpfungsgeschichte, exakte Forschung, wenn man sagt: Alles Sein ist geworden aus einer Urzelle durch Entwicklung latent gebliebener, lebendiger Kraft, durch chemische und andere Prozesse? Was ist Sein, was ist Werden, was Kraft, was Entfaltungsfähigkeit? Woher die Kraft, die Möglichkeit chemisch zu wirke«? u. s. w. Mystisch und absurd wird eine solche Naturauffassung, wenn sie das Näthfel des AM löst, und ebenso absurd, wenn es sich um die Consequenzen handelt. Mehr als das. Sie wird auch die Moral des täglichen Lebens untergraben. Wenn keine waltende Gerechtigkeit, wenn keine Selbstbestimmung, wenn keine Bevormundung, wenn keine Unsterblichkeit, wenn keine höheren Ideale — was muß dann nothwendig ans der Gesellschaft werden! Eine solche Naturauffaffung wird die jüdische Re-' ligion nlit ihrer einfachen Gotteslehre und ihrer erhabenen Sittenlehre mit Nichten erschüttern und der alte Glaube wird in allen Ehren in seiner früheren menschenerlenchtenden und beglückenden Stellung bleiben. Gewiß hat die Naturwissenschaft glänzende Resultate zu Tage gefördert und das menschliche Wissen mit wichtigen Lehren über die Gesetzmäßigkeit ini Naturhaushalt bereichert. Allein dieses harmonische Jneinandergreifen aller Kräfte kann ja unmöglich das Werk blinden Zufalls, starrer Nothwendigkeit sein. Gerade darin offenbart sich ja dem denkenden Betrachter das Walten des allweksen und allgütigen Weltenlenkers. Dieses naturwissenschaftliche Bewußtsein aber steht in keinem Gegensatz zur Religion des Judenthums, deren Gotteslehre auf Erkenntniß der Natur sich gründet und deren Sittenlehre auf eine einfache und wahre anthropologische Grundanschauung sich stützt. —sek. Zeitungsnachrichten und Correspondenze». Deutsch! an d. Berlin, 27. August. Der D. A. B. (Deutscher Antisemiten-Bund) hat einen seiner würdigsten Führer verloren. Her Adolf Wasinsky hat, wie der „Börs. Cour." meldet, dem undankbaren Vaterlande den Rücken gekehrt, das die verdienstvollsten Verleumder der Liberalen und Juden nicht gebührend zu schätzen weiß. Er zieht es vor, der Einladung zu einem zweimonatlichen Besuch am Plötzensee höflich dadurch auszuweichen, daß er einen kleinen Ausflug nachBuenos-Ayres unternimmt. (Wie bekannt sein dürste, wurde Herr Wqsinsch in Gemeinschaft mit Herrn Nuppel wegen Beleidigung des Rentiers Michaelis in der Potsdamerstraße, von dem sie in den nunmehr eingegangenen Blättern „Der Hallesche Thorbote" und. „Ostend-Zeitung" höchst ehrenrührige Dinge behaupteten, die -durch Beweisaufnahme natürlich als Verleumdungen ge-

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