Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 25 (1884)
- Issue
- Heft 70 (1.9.1884)
- Date
- 1884-09-01
- Page
- – (sequence 8)
- Language
- German
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1170 ihrer Geburtsstadt befand, nicht aufgesucht? Eine Hoffnung dämmerte in ihm auf, als ihm Dr. Cervus mitgetheilt hatte, daß der Amtsrichter Stein jetzt in St. weile. Er glaubte, der Amtsrichter Stein sei von selbst als reuiger Sohn in die Arme der Mütter zurückgekehrt. Aber er sah ein, daß er sich getäuscht habe, denn die Mutter erwähnte einer solchen Begegnung mit keiner Silbe. Ja, warum ist der Amtsrichter in St., in einer Stadt, die er seit seiner Zerwürfnisse mit seinen Eltern mit seiner Religion gemieden? Sollte er vielleicht der Meinung gewesen sein, daß die Mutter die Stadt schon verlassen habe, und wollte, da er eine Begegnung mit seinen nächsten Verwandten nicht mehr zu befürchten hatte, die Stätte seiner Kindheit aufsuchen? „Nein, unmöglich" — murmelte Dr. Stein wehmüthig und schüttelte den .Kopf. — „Derjenige, der kein Herz mtb keine Empfindung für seine Blutsverwandten hat, dem ist auch seine Geburtsstätte gleichgiltig! Hatte er sich nicht in gleichgiltigfter Weise von seinen Eltern, seiner Religion losgesagt?" Ein Ruck und der Wagen hielt. Dr. Stein schaute zum Wagenfenster hinaus. Was war das? Der Wagen hielt vor einem zweistöckigen Hanse außerhalb der Stadt. Ganz verblüfft stieg Dr. Stein ans dem Wagen und wollte sich an den Kutscher mit der Frage wenden, wohin er ihn eigentlich geführt habe, als sich ein Arm auf seine Schulter legte und eine bebende Männerstimme ausrief: „Kommen Sie, lieber Herr Doctor, retten Sie mein Weib!" lind der Fremde führte den erstarrten Rabbiner vor's Bett einer Wöchnerin. „Wie finden Sie ihren Znstand, bester Herr Doctor"" — frilg der besorgte Gatte mit zitternder Stimme, während er den zur Bildsäule erstarrten vermeintlichen Arzt anschaute. „Es thut mir leid, ungemein leid!" — entrang es sich keuchend ans der Brust des Dr. Stein — „nicht helfen zu können, denn .....!" „Sie ist also rettungslos verloren!" schluchzte der erschreckte Gatte — „O, ich armer, unglücklicher Manu, was soll ich und meine Kinder nun beginnen!" Bevor noch Dr. Stein Zeit fand sich aus seiner Bestürzung zu erholen mib dem Gatten die Verwechslung ferner Person mit der des Dr, Priester zu erklären, fuhr ein zweiter- Wagen rasselnd vor das Haus, die Thüre wurde aufgeriffen und Dr. Priester stülpte in's Zimmer. „9ta, das sind schöne Geschichten" — tief Dr. Priester ärgerlich aus — „werde ich statt Ihrer in die Synagoge und wie ich sehe. Sie statt meiner zu einer Wöchnerin geführt!" Der bestürzte Gatte wußte gar nicht, wie er sich diese Räthsel erklären soll und fing noch emmak zu seufzen an: „Ich armer, unglücklicher Mann." „Recht lustig auf Ehr'" — sagte Dr. Priester, welcher unterdessen an das Krankenbett getreten war — „Wollen Sie mir nicht sagen, wie Ihre Diagnose lautet, weither College?" „Sie lautet" — entgegnete Dr. Stein, der sich unterdessen aus seiner Bestürzung erholt hatte, mit tiefem Ernste, „daß Sie sofort jener armen Kranken Ihre volle Aufmerksamkeit zuwenden." „Auf Wiedersehen, Herr College!" „Habe ich nicht den Rebbeleben gebeten" — schrie Rebb Jauno, der dem vorsahrenden Wagen vor die Synagoge entgegeneilte — „sich zur bestimmten Schoh in Synagoge einzufinden? Nun sind schon Alle da, der Chasen, der Schammes, der Chosen, die Kalle, die Schuschwinim, nur der Rabbileben ist noch nicht da. Darf man denn ein Tircho diziburohl) dulden?" „Sie haben recht, Rebb Jauno" — sagte Dr. Stein ärgerlich. — „Aber aunos rachmonoh Pottes. Ich bin statt in die Synagoge zu einer Wöchnerin geführt worden." „Aber warum hat sich der Rebbeleben führe» lassen" — schrie Rebb Jauno mit Achselzucken. — „Dr. Priester chlcben3) hat man auch in die Synagoge führen wollen, aber er gab sich dem Kutscher zu verkennen*), da fuhr er ihn zu der Wöchnerin." Er würde noch vielleicht länger geschwatzt haben, denn Schwatzhaftigkeit war eine schwache Seite von Rebb Jauno, aber Dr. Stein war schon bereits in die Synagoge gegangen. (Forts, folgt.) 1) Bemüh,mg einer Gemeinde. 2) Einen durch nicht vorgesehene Hindernisse Abgehaltener hat die Thora freigesprochen. 8) So wahr ich lebe in jüdisch-polnischer Mundart. 4) Verkenne» für erkennen in jüdisch-polnischer Sprache. iS?* Die Fortsetzung der Erzählung .Verschollen und vergessen" erscheint in der nächsten Stummer. Hierzu zwei Bettage«. Verantwortliche Redaction: Dr. Lehmann in Mainz. — Expedition große Bleiche Nr. 45. Druck und Verlag von OScar Lehmann in Mainz.