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Der Israelit · 1884-09-01 · Heft 70 (1.9.1884) · page 7

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Journal
Der Israelit
Volume
25 (1884)
Issue
Heft 70 (1.9.1884)
Date
1884-09-01
Page
– (sequence 7)
Language
German
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1169 werthen, daß ich mich sofort nach Hause begab und Fanny bat, mich mit Holz und Licht, Speisen und Decken dorthin zu begleiten. Wer beschreibt nun mein Erstaunen, als ich in das Zimmer trat und fand, daß meine Hilfe zn spät kam. Im Ofen prasselte ein lustiges Feuer. Zwei Betten waren im Zimmer aufgestellt, in einem lag die Wöchnerin, die ihren Schmerz vergessen zu haben schien, denn mit verklärtem Gesichte schaute sie auf ihre Kinder, die, :auf den Boden kauernd, aus einer Schüssel tüchtig löffelten. Beim Ofen stand Rebb Jauno und kochte eifrig. „Ich komme zu . spät" — sagte ich. — „Wer ist der Edle, der mir zuvorkam?" — „Hier ist der gute, edle Mann, unser Netter!" erwiderte die Arme mit vor Weinen erstickter Stimme. „Ich soll leben!" — schrie Rebb Jauno. — „Ich kann doch die arme Frau Marie und die lieben Kinderchen nicht umkommen lassen. Sie war ja Jahrelang meine Schabbesfrau." „Nun, was sagen Sie zu diesem edlen Menschen, verdient er nicht, daß man sein gutes Herz in Gold fasse? Ich war so gerührt durch diese Güte, daß ich dem schmutzigen Menschen um den Hals fiel. Seit dieser Zeit habe ich eine hohe Meinung von den Lehren des Judenthums bekommen; denn ich sagte 'mir, wenn ein sölcherr, auf eine so niedrigen Stufe der Bildung stehender Mann so viel Adel der Gesinnung besitzt, so kann dieser nur Folge der religiösen Lehren sein. Sie haben also, bester Herr Rabbiner, leichtes Spiel mit nieinem Bekehren gehabt." Mit abwechselnden Empfindungen hatten die Anwesenden die Erzählung des Dr. Priester zngehört. „Wahrlich" — rief Dr. Stein aus — „der Mann ist einer jener Edlen, die in ihren edlen Werken nur eine einfache Pflichterfüllung sehen und keinen Dank für ihr schönes Wirken beanspruchen!" „Und ich" — sagte Frau Rabbiner Stein — „werde diesen Mann von heute ab, mit der Ehrerbietung, die ihm zukommt, behandeln!" „Und ich!" — versetzte Hulda — „werde mich in der Zukunft hüte», diesen Mann lächerlich zu finden!" „Siehst Du, liebe Hulda" — sprach Dr. Stein mit Ernst — „man darf keinen Mensch nach seiner äußeren Hülle beurtheileu, sondern nach seinem innem Werth.e!" „Sie werden mich entschuldigen, meine Berehrteu"— wandte sich Dr. Stein au Dr. Priester und seine Mutter — „ich habe noch Verschiedenes zu thun und muß mich zurückziehen!" „Gehe mit Gott, mein Sohn!" — sagte feine Mutter. Dr. Stein verließ das Zimmer, auch Dr. Priester empfahl sich. (11. Capitel.) Die Verwechslung. Dr. Stein war soeben mit seiner Toilette fertig geworden. Er setzte seinen Hut auf und trat an's Fenster. „Ah, der Wagen ist schon da," murmelte er vor sich hin. Er ttat in das anstoßende Zimmer, um sich von seiner Mutter zu verabschieden. „Du willst also nicht mit zur Trauung, liebe Mama?" frng Dr. Stein. „Rein, mein lieber Sohn," erwiderte Frau Rabbiner Stein, „ich ziehe es vor, zu Hause zu bleiben und eine Stunde zu schlafen, denn ich fühle mich noch von der Reise sehr ermüdet." „Und Hulda?" frng Dr. Stein, — „will sie nicht mit?" „Sie ist schon mit Fanny Priester in die Synagoge vorausgeeilt," — entgegnete Frau Rabbiner Stein — „Du weißt ja, daß junge Mädchen bei einer Trauung nicht gerne fehlen!" Dr. Stein reichte seiner Mutter die Hand. „Dann Adieu, liebe Mama!" - sagte er ~ „Und schlafe wohl." „Adieu, mein Kind, ans Wiedersehen!" Dr. Stein stieg die Treppen herunter und der Kutscher öffnete, als er ihn erblickte, ehrfurchtsvoll den Schlag. Dr. Stein stieg ein, ' und der Wagen fuhr raffelnd über das Steinpflaster. In demselben Augenblick fuhr auch ein anderer Wagen vor und Dr. Priester kam hastig aus seiner Wohnung, nahm Platz in dem zweiten Wagen, welcher sich ebenfalls in rasender Eile in Bewegung setzte. Ganz in Gedanken verloren, saß Dr. Stein in dem Wagen. Er hatte gehofft bei dem Antritt seines Amtes seinen Bruder, den Amtsrichter, als einen Reuigen vorzufinden. Er hatte sich die Freude, die seine Mutter über den reuigen, verloren geglaubten Sohn empfinden werde, in der glänzendsten Farbenpracht ausgemalt. Jetzt lvaren bereits mehrere Wochen verflossen, seitdem er seine Stelle angetreten hatte, und noch hatte er seinen Bruder nicht gesehen. Wohl hatte er durch Dr. Cervus erfahren, daß derselbe seit einer Woche sich in St. befinde, aber was will er dort? Warum hatte er die Mutter, die wie er lvußte, sich noch in St.,

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