Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 25 (1884)
- Issue
- Heft 70 (1.9.1884)
- Date
- 1884-09-01
- Page
- – (sequence 4)
- Language
- German
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1166 bezeichnet, und daß selbst hierin viele maßgebende Decisoren ihm oppouiren? Sollte der Verfasser nicht wissen, daß zu den Zeiten der Verfolgungen seitens der Hellenen es den Juden verboten war, „Chochmah jewanith" zu studiren, und daß unter „Chochmoh" nicht die Sprache gemeint sei? Sollte der Verfasser nicht wissen, daß es eine tendenziöse Unwahrheit ist, wenn man behauptet, der Talmud gebiete streng die Kopfbedeckung selbst bei Nicht-Ausübung einer religiösen Handlung? Weiß der Verfasser schließlich nicht, daß die Lüge ein moralisches Verbrechen ist und z. B. bei den alten Persern mit dem Tode bestraft wurde, weiß er nicht, daß man allgemein verachtet wird, wenn man seine eigene Religion verlästert, und daß es Undankbarkeit heißt, wenn man Schriften, die einem seit Jahren das tägliche Brod verschafft haben, „rabbimsche Albernheiten" nennt? Und diese „Zuschrift" veröffentlicht das „Deutsche Tageblatt", damit man höheren OrteS wisse, welcheBerechtigung dergewaltigeSturm derEntrüstung habe. Der Himmel behüte den Minister vor solchen Rathgebetn und Fachmännern! Das Schreiben am Sonnabend wird nach wie vor ein rein mosaisches Verbot bleiben und wer dieses Verbot Übertritt, wird nach wie vor sich einer Sabbatentweihung schuldig machen. Für die Heiligung der Sabbatgesetze haben die Edelsten und Besten unserer Nation den Scheiterhaufen bestiegen und sich dem Henkerbeile hingegeben und diese heldenmüthige Vertretung des göttlichen Wortes hat auch der Nachwelt den Much gegeben, weiter dieses heilige Vermächtniß der Ahnen gegen alle Anfeindungen zu verfechten. Wir können auch diesen Artikel nur mit der festen Ueberzeugung schließen, daß der Herr Kultusminister, der sich so inniger Verehrung und ungetheilter Sympäthieen in jüdischen Kreisen erfreut, die Verfügung nach besserer Kenntnißnahme von den jüdischen Gesetzen so modificiren wird, daß unsere Gewissensfreiheit gewahrt bleibe und uns die religiöse Erziehung unserer Kinder möglich gemacht werde. Zeitungsnachrichten und Correspondenzen. Deutschland. Frankfurt a. M. Herr Oberbürgermeister Miguel hielt vor einiger Zeit im kaufmännischen Verein einen überaus interessanten und belehrenden Vortrag über „Die materiellen und moralischen Schäden der Trunksucht." Aus der reichen Fülle statistischen Zahlenmaterials feie» hier folgende Punkte herausgegriffen. - In Preußen allein werden jährlich 876 Millionen für spirituose Getränke verausgabt, wovon 226 Millionen auf den Consum von Branntwein kommen. In der kurzen Zeit von elf Jahren (1869—80) hat sich die Zahl der Bier- und Branntweinschänken Preußens von 120,000—165,000 also um 45,006 vermehrt, wovon allein 93,000 Branntweinschänken find, so daß jetzt auf je 166 Einwohner eine derartige Schänke kommt. Die Bedeutung dieser Zahlen springt erst recht in die Augen, wenn man die Verhältnisse anderer Staaten in Betracht zieht. Auf den Kopf der männlichen Bevölkerung kommen in Schwede» 8 Liter Branntwein, in Norwegen 3 Liter, in Dänemark 16 Liter, in Rußland 28 Liter und in Preußen 35 Liter jährlich. Wenn an der Hand dieser nnd ähnlicher Thatsachen die „Jllustrirte Zeitung" in ihrer Nr. 2126 den Hang zum Trinken, den gewohnheitsmäßigen Trunk, ein deutsches Nationalübel nennt, so ist dies ein hartes Wort, das wir nicht nachzusprecheu wagten, wäre eS nicht geboten, solche objective Thatsachen zn verzeichnen, um sie nnsern Deutfchthumlern a la Treitschke zur Beachtung zu empfehlen. Vielleicht dämpfen diese Zahlen ein wenig den Hochmuth jener vermeintlichen Vollblut-Germanen, die den deutschen Juden den Rach zu geben fich erdreisten, Deutsche zu werden! Vielleicht aber finden sie in dieser Statistik und der sprüchwörtlichen Nüchternheit der Juden einen neuen Beweis dafür, daß die Juden noch immer nicht als deutsch-national gelten können, bis sie neben den deutsch-nationalen Tugenden auch die deutsch-nationalen Uebel fich angeeignet haben. Diese Zahlen haben aber auch nach einer anderen Seite hin ein bedeutsames Interesse. Man glaubt gewöhnlich, daß in Rußland der stärkste Branntweinconsum zu finden wäre und die rusfifchen Antisemiten sind jeder Zeit flugs bei der Hand, den Ruin,, den der Branntwein bei den rusfifchen Bauern anrichtet, auf das Conto de8 Umstandes zu stellen, daß dort fast alle Schänkeninhaber Juden find. In seiner mit Erlaubniß der „Censur erschienenen Schrift: „Drei Gespenster" tritt der Stadtrabbiner von Odessa dieser ungeheuerliche» Insinuation mit folgenden beredten Worten entgegen: „Wäre die Möglichkeit zu erreichen, das Volk überhaupt zu verhindern, Schnaps zu trinken, könnte