Mannheim
Compact Memory

Der Israelit · 1884-08-25 · Heft 68 (25.8.1884) · page 8

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Der Israelit
Volume
25 (1884)
Issue
Heft 68 (25.8.1884)
Date
1884-08-25
Page
– (sequence 8)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
93% known words query
IRI
…/2446951-2449406-2449471--20715-2510258
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

1134 „sagen Sie einen schönen Gruß von mir, ich werde so G. w. zur bestimmten Stunde erscheinen." Rebb Jauno schrieb eifrig die Antwort auf und wollte sich schon entfernen. „Ich soll leben" — schrie er plötzlich auf und schlug sich wie besessen mit den Händen vor die Stirn — „fast hätte ich an die zweite Haudoh 1C) vergessen!" „Warte, Chamaur^," sagte er, sich selbst mit dem Finger drohend; er hustete einige Mal, petzte dann mit der Hand seine Nase und schüttete einen ganzen Haufen Tabak hinein, dann brachte er noch ein beschmutztes Papier zum Vorschein und las: „Die Eltern des Chosen und der Kalle geben sich die Kowed Rebbezin Mutter und Rebbezin Schwester ebenfalls zu der Chasene einzuladen." „Wir danken sehr für die Kowed" — sagte Frau Rabbiner Stein lächelnd. Hulda, welche bisher nur mit Mühe einen Lachkrampf unterdrückt hatte, brach jetzt in ein lautes, schallendes Gelächter aus. Rebb Jauno schien es übel zu nehmen; denn er machte einige Schwingungen mit dem Oberkörper und dann versetzte er: „Wer ist die Rebbleben?" — „Es ist meine Schwester!" sagte lächelnd Dr. Stein. „Ich soll leben" —. kreischte Rebb Jauno mit lauter Stimme — „Ich werde ihr einen Chosen verschaffen, der über mich eben so lacht/wie sie, dann können sie zum Zeitvertteib beide mit einander lachen. Ich meine Dr. Priester, der jetzt unberufen ein Joreh Schomaim18) ist, wäre kein übler Chosen. He?" „Was wäre ich, Rebb Jauno?" frug eine Stimme dicht hinter ihm. Ganz entsetzt wandte sich Rebb Jauno um und starrte in Dr. Priesters Gesicht. Dr. Priester hatte einige Mal geklopft, was aber durch das Poltern Rebb Jauno's überhört worden ist und so trat er denn ohne erfolgten Hereinruf in das Zimmer und war Zeuge von dem Glücke, das ihm Rebb Jauno zugedacht hatte. „Redet man von Malach, — kommt der Galach19)", stöhnte Rebb Jauno. — „Ich soll leben, ich will, daß Sie Chosen werden." 18) Eine Bekanntmachung. 17) Esel. 18) Gottesfürchtig. 19) altes Sprüchwort. „Recht lustig auf Ehr'" — lachte Dr. Priester — „Und wie lange geben Sie mir Zeit zu diesem wichttgen Schritt?" — „Wie heißt Zeit" — kreischte Rebb Zaum» verwundert. — „Ich soll leben. Sie haben gar nicht Zeit mehr. Sie sind schon längst über achtundzwanzig!" — „Das ist wahr," versetzte Dr. Priester mit komischem Ernst. — „Aber warum sagen Sie & auch nicht unserm Rabbiner, der doch ebenfalls unvermählt ist." „Ich soll leben!" — schrie Rebb Jauno — „ich werde es ihm schon sagen, wenn ich eine Kalle fiir ihn habe!" - „So so!" — sagte Dr. Priester. — „Und wer ist die Glückliche, die mir Ihre Gnade zugedacht hat?" Schon beim Eintritt des Dr. Priester übergoß eine flammende Röthe das ganze Gesicht Hulda's. Jetzt stand das arme Mädchen in solcher Aufregung da, daß sie sich tausend Mellen von hier entfernt wünschte. Dr. Stein, der es wohl bemerkte, sagte, noch ehe Rebb Jauno Zell zu einer Antwort fand: „Sie werden noch viel zu besorgen haben, mein lieber Rebb Jauno, ich will Sie daher nicht länger aufhalten!" „Ich soll leben!" — entgegnete Rebb Jauno — „Ich habe noch gar viel zü aretoen20) aber mesaweg siwugim21) ist eine große Mitzwoh 22>." „Aber bedenken Sie nur, mein Lieber!" — versetzte Dr. Stein — „Es ist schon HM zwölf, in einer Stunde soll ja die Trauung stattsinden!" «Ich soll leben" — sagte Rebb Jaimo — „derRebbeleben hat Recht. Mesameach Chosen Weraffe23) zu sein, ist auch eine Mitzwoh. Ich will daher Birschuschem2*) sagen. Mll Ihnen werde ich morgen schon zu reden die Gelegenhell finden. Sie sollen eine Kalle bekommen!" sprach er zu Dr. Priester gewandt und verließ das Zimmer. (Fortsetzung folgt.) 20) Jüdisch-polnischer Ausdruck fiir arbeiten 21) Zwei zu einer Ehe zusammenzuführen. 22) Pflichterfüllung. 23) Bräutigam und Braut erfreuen. 24) Abschied nehwen. ©£F" Tie Fortsetzung der Erzählung .Verschollen und vergessen* erscheint in der nächsten Nummer. Hierzu zwei Beilage». Verantwortliche Redaction: vr. Lehmann in Mainz. — Expedition große Bleiche Nr. 45. Druck und Verlag von Oscar Lehmann in Mainz.

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.