Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 25 (1884)
- Issue
- Heft 68 (25.8.1884)
- Date
- 1884-08-25
- Page
- – (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
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t Die Erinnerung. VonDr. H. San ge r. Haben Sie, verehrte Leser, schon einmal das Erwachen des Tages genau beobachtet? — Das Dunkel der Stacht lagert noch über der Erde. Tiefes Schweigen herrscht überall; alles Leben der Schöpfung scheint erstorben. Kein Laut wird gehört. Aber am östlichen Saume des Himmels weicht langsam die dichte Finsterniß, immer höher und höher zieht sich der dunkle Schatten zurück; immer heller und heller treten die Gegenstände an uns heran, und hoch am Himmel schweben leichte, feine, durchsichtige Wölkchen, wie von Noscnlicht umflossen. Noch aber ruht ein leichter Nebelschleier über der Erde. Da kommt Bewegung hinein; bald aufbald abwärts wallt die Nebelmasse, beunruhigt durch das immer mehr hcreinbrcchende Licht. Da endlich durchbricht sie ein zitternder, goldiger Strahl, zcrtheilt, verjagt sic, und wie ein breiter Strom ergießt sich das Sonnenlicht über die Oberfläche der Erde, Alles in Licht und Glanz tauchend. Es ist Tag! Ein herrlicher, sonniger Tag! Die ganze Erde von Licht nmfloffen, von einem Hellen, tiefblauen Himmel umspannt. psßi' ON131PO W. L'OL'N mtn. „Und wenn die Sonne aufgcht, ziehen sich zurück die Herrscher der Nacht, die wilden Thiere alle, und strecken sich nieder in ihren verborgenen Wohmlngen" my '-ly in-n^y^ 'hy?h di« „Der Mensch aber, der Herrscher am Tage, geht aus zu seinem Dienste bis zum Abend.". Aehnlich dem Erwachen des Tages, ist es mit der Erinnerung, welcher das herannahende Fest vorwiegend geweiht und gewidmet ist. , Schlaf, tiefer Schlaf umfängt uns zum großen Theil das ganze Jahr hindurch. Selbst die Menschen, die nach Licht und Klarheit zu ringen vorgeben, schlafen, träumen gern, wiegen sich ein in ein tranmseliges Vergessen, halten fern von sich die Erinnerung, schließen gern die Augen, ans Furcht vor dem Erwachen, vor der Wirklichkeit. Sticht daß die Menschen gerade die Erinnerung an frohe Tage, an glücklich verlebte Stunden, an heitere .Erlebnisse und freudige Ereignisse unterdrücken; das wäre auch, thöricht, muß ja oft diese freudige Erinnerung uns über manche trübe Stunden hinwcghelfen, uns für manchen Kummer Trost spenden. Auch daß man sich nicht gerne an Unangenehmes erinnern will, daß mau vergangenes Leid lieber vergißt, ist 1129 ganz natürlich. Nicht die äußeren Dinge schweben mir vor, sondern ein unnatürlicher Schlaf. Gerade die Menschen, die am meisten leben, schlafen dabei um so fester und tiefer; je sonniger der Tag für sie ist, um so mehr hält dieser Schlaf ihre Augen geschlossen; je mehr sie nach Licht streben, um so dunkler nur wird oft ihr Weg, ihr Lebensziel. Die altergcwöhnlkchsten Beschäftigungen und Sorgen des Lebens lassen die Erinnerung, das Bewußtsein eines höheren Zieles unseres Lebens, unserer geistigen Aufgabe, nicht aufkommen. Dichte Finsternis verhüllt uns das ganze Jahr hindurch jeden Lichtblick in unsere geistige, innere Welt. Troß alter Sorgen, die uns das Leben anfbürdct, sind wir sorglos; trotz aller Aufforderung zum ernsten Nachdenken, zur sorgfältigen Prüfung unserer Handlungen, wozu uns die oft so sonderbaren und nns überraschenden Vorfälle des Lebens anregen, leben wir gedankenlos dahin; so sehr wir, uns auch mühen und anstrengcn, soviel wir auch kämpfen und ringen, fliehen wir doch die wahre Muhe und Anstrengung, gehen wir doch dem ernsten Kampfe aus dem Wege; bestreben wir nns auch das Leben nns schön zu gestalten, cs in Freude und Friede zu genießen, so halten wir dennoch fern von uns alt Das, was es uns eigentlich verschönt, verbittern uns selbst den reinen, ungetrübten Genuß, stören selbst den Frieden; und wenn wir selbst das Leben von seiner ernsten Seite anffasscn, so gilt das immer nur der rein materiellen Seite desselben. Die ideale Seite wird dabei ganz und gar außer Acht gelassen; von dieser wissen die meisten Menschen nichts, diese ruht verborgen in uns, nichts stört sie aus ihrem Schlaf. Wozu auch daran denken?! Haben wir ja alle Kraft ans den einen Punkt zu concentriren, anständig zu leben! Und da ist es genug gethan, wenn man sickehrlich und rechtschaffen durchkämpft!" — Es ist wahr, man.hat viel gethan, wenn man sickredlich durch's Leben schlägt; aber es ist noch nicht genug, wenn wir uns ein sogenanntes bequemes Leben, eine sichere Existenz gründen. Und wenn wir uns auch damit begnügen, wenn wir auch zufrieden dabei sind, so ist das noch kein Beweis, daß wir der idealen Seite des Lebens cntrathen können, so ist das noch kein Beweis, daß wir auch ohne sie unfern wahren Lebenszweck erfüllen: es ist weiter nichts, als ein. Beweis, daß das Bewußtsein unseres Menschenwerthes, unserer ganzen Bedeutung als Mensch, in nns nicht einmal vorhanden, daß der wahre Mensch in nns noch nicht erstanden, daß er noch in tiefem Schlaf versunken ist. Das Bewußtsein der Verantwortung unseres ganzen Lebens in seinem Denken, wie in all seinem Thun ist bei