Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 25 (1884)
- Issue
- Heft 66 (18.8.1884)
- Date
- 1884-08-18
- Page
- – (sequence 8)
- Language
- German
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„Das ist ja fabelhaft rasch gegangen!" — murmelte er kleinlaut. „Und denke Dir nur!" fuhr Hnlda mit Lebhaftigkeit fort, ohne auf seine Bemerkung zu achten, „ich hatte Dr. Priester für meinen Bruder gehalten. Sieht er Dir ähnlich! Na, solche Aehnlichkeit zwischen zwei wild fremden Menschen habe ich noch niemals gesehen! Als er aber in meiner Nähe war, habe ich meinen Jrrthum sofort erkannt; denn der heitere Zug im Gesichte des Herrn Dr. Priester ist dem Deinigen ganz fremd. Seine Heiterkeit gefällt mir schon besser, als Dein großer, väterlicher Ernst!" „Sieh', sieh' mal" — lachte Dr. Stein —„Dr. Priester gefällt unserer Hulda besser, als ihr Bruder! Findest Du das schön, liebe Mainas" — „O, sei nicht so, lieber Max!" — sagte Hulda und verbarg ihr tief erröthendes Gesicht, indem sie mit dem Taschentuche darüber fuhr — „Ich sagte ja bloß, daß die Heiterkeit des Herrn Dr. Priester mir besser gefiel als Dein Ernst." — „Einerlei!" — fuhr Dr. Stein fort zu necken. „Doch sage mir, Mädchen, soll das Zusammentreffen mit Herrn Dr. Priester zu früher Stunde ebenfalls Folge Deines Wohlgefallens gewesen sein?" Frau Rabbiner Stein, die sich bisher schweigend verhalten und mit Belustigung dem Wortstreit ihrer Kinder zugehört, schaute jetzt ihren Sohn mit einem mißbilligenden Blicke an und wollte ihre Mißbilligung durch Worte ausdrücken, aber Hulda kam ihr zuvor. „Du wirst grob, Max!" — rief das Mädchen entrüstet aus. — „Wäre mir Deine Ungeschicklichkeit, Witze zu machen, nicht bekannt gewesen, ich hätte alsdann ein Recht, Dir -zu zürnen, aber so muß ich einige Nachsicht mit Dir haben." — „Ich war bei unserm Chasan Fröhlich" — erzählte Hulda — „um die aus dem Markte eingekaufte Henne schlachten zu lassen. Die Henne hatte ein Kröncheu ans dem Kopfe und Fröhlich erklärte mir, dieselbe nicht eher schlachten zu können, bis ich sie dem hiesigen Rabbiner vorgezeigt habe. Mir war das sehr unlieb; denn ich vergaß beim Einkauf darauf zu achten und ruachte in Folge dessen kein allzufreundliches Gesicht. Fröhlich mißdeutete meine Bewegung und glaubte, daß mir unangenehm sei, zum Rabbiner zu gehen. „Sie dürfen ganz getrost zu unserem Rabbiner gehen" — be- 1) Engel Gottes. eilte er sich zu sagen. — „Er ist so gut, so fteundlich, wie ein Malach Elaukim*)"—- der arme Man» hatte keine Ahnung, daß ich diesen Malach Ekaukim besser kenne und zwar als rückfichtskofm Grobian.. .!* „Was Hulda" — lachte Dr. Stein — „Der Malach von Fröhlich ein Grobian? Nehme Dich in Acht, Mädchen! Du könntest schon am ersten Tage Deines hiesigen Aufenthalts an Fröhlich einen erbitterten Feind bekommen, wenn Du solche Scherze mit seinen Malochim treibst! Aber erzähle weiter, in welcher Beziehung steht die Henne mit Deiner Begegnung mit Herrn Dr. Priester?" — „Wenn Du das erfahren willst" — entgegnete Hulda — „so darfst Du mich nicht mehr unterbrechen. Nun sing Fröhlich an" — fuhr Hulda in ihrer Erzählung fort — „nur von Deinen Helden fahrten — denn Du bist einnral sein Odysseus — zu erzählen, wie Du mit Dr. Priester verwechselt worden bist. Me Du durch Deine Predigt alle Herzen im Sturm erobert und schließlich, wie auch Dr. Priester zum orthodoxen Judenthum sich bekehrt habe. „Er hat ftüher," erzählte der würdige Mann, „öffentlich den Sabbat entweiht und sich über die Gebräuche des Judenthmns lustig gemacht und jetzt ist er so lammfromm, daß wenn er nicht verhindert ist, er selten am Sabbat die Synagoge versäumt." Plötzlich hielt er inne und schaute ganz erstarrt auf einen Punkt. Ich folgte der Richtung seines Blickes und wollte meinem Bruder entgegen eilen. Da lachte er laut auf und ich hemmte meinen Schritt; denn ich erkannte meinen Jrrthum. Du warst es nicht, sondern Dr. Priester, der Fröhlich zurief: „Es ist nicht so schön von Ihne», Herr Fröhlich, meines früheren irreligiösen Lebens p erwähnen. Vergißt ja doch auch der liebe Gott die Sünden der aufrichttg Reuigen!" Jetzt weißt Du, wie ich mit Dr. Priester zusammengetroffen bin. Soll ich Dir die Henne vorzeigen, gestrenger Herr Rabbiner, oder verkörperter Malach Elaukim?" Ein lautes Pochen an die Thüre hinderte Dr. Stein zu antworten. „Herein!" rief et. Die Thüre öfftrete sich, und in das Zimmer tänzelte Reb Zaune, der Scharmnes^ herein. ___ (Fortsetzung folgt.) 2) Synagogendiener. ' V Die Fortsetzung der Erzählung „Verschölle» und vergesse»" erscheint in der nächste» Rümmer. Hierzu eine Beilage, i ' Verantwortliche Redaktion: vr. Lehmann hx Mainz. — Expedition große Bleiche Nr.'4L^ - ' . Druck und Verlag von ySear Lehm»»» 1» Mainz. : .