Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 25 (1884)
- Issue
- Heft 66 (18.8.1884)
- Date
- 1884-08-18
- Page
- – (sequence 7)
- Language
- German
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weckt. Aus seinen großen, sprechenden, braunen Augen leuchtete edle Begeisterung und uneigennützige Liebe, mit welcher er die ganze Menschheit zu umfassen schien. Ein schwarzes Sammtkäppchen, welches seinem blassen Teint einen besonderen Reiz verlieh, bedeckte sein Haupt und ein bequemer Schlafrock, der das Ebenmaß seiner Glieder nicht ganz zu verbergen im Stande war, hüllte seine schlanke, hohe Gestalt. Seine Mutter, welche ihn schon einige Augenblicke mit mütterlichem Stolze und voller Zärtlichkeit bettachtete, war eine sehr ehrwürdige, imposante Erscheinung und zeigte reuen gutmüthigen, für das Wohl Anderer stets besorgen Gesichtsausdruck, den wir fast unausschließlich bei allen älteren jüdischen Damen begegnen und der sie mit einem sympathischen Nimbus umgibt. Jedoch reden die Furchen um den Mund und auf der Stirne von einem ttefen Weh, welches sie erfahren und der ttübe Glanz der Augen von viel vergossenen Thränen. Erst gestern spät in der Nacht ist diese ehrwürdige Frau mit ihrer Tochter Hulda angelaugt und wurde von ihrem Sohne, der zwei Wochen früher in M . . . eingettoffen war, nur Alles zum Empfang seiner Mutter und Schwester bereit 31t machen, von P . . . mit dem Wagen abgeholt. „Nun, wie gefällt Dir unsere neue Heimath, liebe Mama?" — frag Dr. Stein, während er eine kräftige Rauchwolke aus seiner Cigarre blies, und sah seine Mutter gespannt an. „Vortrefflich, mein Sohn I" — erwiderte Frau Rabbiner Stein, indeni ein freudiges Lächeln die blassen Lippen umschwebte. „Und wie sollte es auch anders der Fall fein?" — fuhr sie lebhaft fort — „Ist es mir doch nach langen Jahren wieder vergönnt, ununterbrochen bei Dir zu wohnen und gemeinschaftlich mit Dir zu leben! Von der Stadt und Umgebung habe ich zwar noch gar Nichts gesehen, aber diese sind mir im Grunde auch ganz gleichgilttg; denn auch in einer Wüste würde ich es so schön wie im Paradiese finden , wenn ich an der Seite meiner Kinder leben darf!" — - „Ist die Einrichtung und Wahl der Zimmer nach Deinem Geschmack, gute Maina?" — erkundigte sich Dr. Stein weiter. „O ja!" — lächelte die ehrwürdige Mattolle. — „Nur scheint mir das Empfangszimmer zu prunkvoll. Dein Studierzimmer dagegen zu armselig ausgestattet!^ - - „Die Einrichtung im Empfangszilmner" — entgegnete Dr. Stein — „ist ein Geschenk meiner Gemeinde und die höchste Zierde meines Stndierzimmers ist seine Bibliothek, und diese ist mir durch die inhaltreichc Bibliothek meines seligen Vaters, die Du mir geschenkt hast, so sehr bereichert worden." Die Thüre des Speisezimmers öffnete sich und in dem Rahnlen derselben erschien ein wunderschönes, blühendes Mädchen von ungefähr achtzehn Jahren. „Ah, guten Morgen, liebe Hulda!" — redete sie Dr. Stein an. — „Hast Du gut geschlafen? — Die Frage ist eigentlich überflüssig. Gut geschlafen mußt Du wohl haben, denn sonst wäre unferc fleißige Hulda schon längst anfgestanden!" «Fehl geschossen, lieber Max!" — lachte Hulda hell auf. — „Ja zwei Mal falsch gefolgert. Zuvörderst bi» ich schon mehr als zwei Stunden tvach. Als Du zum Morgengottesdienst in die Synagoge giligst, verließ ich mit Fanny Priester, mit welcher ich bei unserer Ankunft verabredet habe, daß sie mich wecken solle, das Hans, um die Einkäufe auf dem Markte zu besorgen. Zweitens lväre mein verspätetes Aufstehen eher ein Beweis, daß ich nicht gut geschlafen, man schläft ja in der Regel länger, wenn man während der Nacht keine Ruhe finden konnte. Habe.ich nicht recht, Mama?" Frau Rabbiner Stein nickte lächelnd mit dem Kopfe. „Ich sehe schon" — lachte Dr. Stein ebenfalls — „daß ich mich bei meinem streng logisch denkenden Schwesterchen kn Acht nehmen muß. Ich muß also den Nebensatz als Hauptsatz gestalten. Daß Du gut geschlafen hast, ist Dein frühes Aufstehen der beste Beweis. Bist Du nun zufrieden?" „Wiederum falsch!" — entgegnete Hulda lachend, indem sie sich auf einen Sessel niederließ und eine Tasse Kaffee sich einschenkte. — „Mein frühes Aufstehen kann keinesfalls für einen genügenden Beweis meines guten Schlafes gelten; denn bis-' weilen verläßt man früh sein Lager, weil man im Bette keine Ruhe finden kann." „Au, au!" — rief Dr. Stein mit komischem Ernst ans — „Du tyrannisirst niich ja ordentlich! Das ist nicht hübsch von Dir, kleine Hulda! Du hast aber meine Frage, wie Du geschlafen hast, noch nicht beantwortet." — „Ausgezeichnet;" — erwiderte Hulda' und schlürfte ihren braunen Trank. „Und wie gefällt Dir die Stadt und ihre Einwohner?" inqnirirte Dr. Stein weiter. „O sehr, lieber Bruder!" — entgegnete Hulda „Fanny Priester ist ein herziges Mädchen, wir sind schon bereits Freundinnen!". Ein rosiger Schein überflnthete das blasse Gesicht des Dr. Stein.