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Der Israelit · 1884-08-18 · Heft 66 (18.8.1884) · page 6

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Journal
Der Israelit
Volume
25 (1884)
Issue
Heft 66 (18.8.1884)
Date
1884-08-18
Page
– (sequence 6)
Language
German
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die Uebersetzung aus dem Griechischen ins Deutsche. Diese Arbeiten können getrost von Montag bis Freitag geschrieben werden, und eine ministerielle Verfügung sollte dem Primaner, der sich neun Jahre lang gequält hat, im lebten Augenblicke ohne Grund zum Änfgeben des ganzen Examens oder zur Sabbatcntweihung zwingen- Aus allen diesen Gründen glauben wir annehmen zu dürfen, daß die „Verfügung" von dem — Nedactionsstabe des „Deutschen Tageblatt" ausgegangen und berechnet ist, die gesetzestrenen Eltern einzuschüchtern. Ist wirklich das Unglaubliche geschehen, und sollte der ministerielle Erlas; dem oben mitgetheilten Wortlaute nach bestehen, so dürfte in dieser Angelegenheit noch nicht das letzte Wort gesprochen worden sein. Rußland. Bobrnisk, 13. Aug. Zufällig hier anwesend war ich Zeuge einer Feierlichkeit, deren Beschreibung für Ihre geehrten Leser gewiß von Interesse sein wird. Herr Boas Rabinowitz von hier feiert in der nächsten Woche das Hochzeitsfest seines ältesten Sohnes. Da dasselbe in Warschau stattfinden wird, so sollten die armen Leute in hiesiger Stadt und Umgegend nicht zu kurz kommen und wurde für sie ein großartiges Fest arrangirt. Ein eigenes Gebäude war dazu hergerichtet, in welchem 600 Menschen Raum haben; aber es kamen viel mehr, und so mußten auch im Freien Tische gedeckt werden. Das Menu bestand aus Suppe, Huhn, Rinderbraten, dreierlei Fischen, Gemüse und Compot; jeder Einzelne erhielt eine Flasche Branntwein. Alts einer Estrade war ein Mnsikcorps postirt; ein Badchan (Marschalk, Lnftigmacher) trug deutsche und hebräische Lieder vor. Herr R. war mit seiner Familie und seinen Gästen von seinem Landgnte herbeigekommen und nahm inmitten der Armen Platz, dieselbe Mahlzeit mit ihnen thcilend. Es war eine ergreifende Scene', als die Familie in den Saal trat und von all den Armen mit stürmischen Jubelrufen und heißen Segenswünschen empfangen wurde. Herr Rabinowitz, seine Gemahlin und der Bräutigam bedienten selbst die Gäste und sorgten nach Kräften, daß Jeder vollauf bekam. Dann verabreichten sie jedem Einzelnen, Männern Frauen und Kindern eine Geldspende. Die Heiterkeit erreichte den höchsten Grad und der Jubel wurde allgemein, als bei den Tönen der Musik die Füße sich regten und ein Tanz — Männer mit Männern — aufgeführt wurde. — So erhebend, nun auch die ganze Feier war, so hatte sie doch auch eine ernsttraurige Seite. So viele arme Leute, so viele Jammergestalten, so viele küinnrerlich bekleidete Glaubensgenossen habe ich zuvor niemals beisammen gesehen. Mit welchem Heißhunger verschlangen diese Unglücklichen die ihnen dargereichten Speisen! Viele von ihnen gebrauchten weder Messer noch Gabeln»'Md die ungeheuren Vorräthe von Weiß- und Schwarzbrod verschwanden zusehends. Eine Frau weinte — sie war einst reich gewesen und mußte mm das bittere Brod der Armuth essen! — Um so erhebender ist es, zu sehen, wie unsre wohlhabenden Glaubensgenossen in Rußland mit vollen Händen und in liebreichster Weise sich bemühen, um die Roth der Armen zu lindern. onV Heute wird in demselben Ramne ein ähnliches Fest für die 50 Schüler der Jeschibah, für die 200 Kinder der beiden Talmnd-Thora-Schulen und deren Lehrer, sowie für die andere mm 'im*?, im Ganzen etwa 400 Personen veranstaltet werden. Sie ersehen daraus, daß das Thoraftudium noch eifrig hierzulande gepstegt wird. Fe» i l l e t o «. Aus dem Leöen eines orthodoxen Hiubbmers. Skizze von Dr. Sta . . . (Fortsetzung.) (10. Capitel.) * •— Die Familie des orthodoxen Rabbiners. In einem säubern, geschmackvoll ausgestatteten Speisezimmer, im zweiten Stock des Dr. Priester'schen Hauses treffen wir die Famllie Rabbiner Dr. Stein beim Morgenimbiß. Um den mit einer schneeweißen Decke gezierten Kaffeetisch haben zwei Personen, eine ältliche Dame und ein blühender, junger Mann, Platz genommen. Der in schönem Porzellanfervkce dampfende Mocca verbreitete seinen angenehmen, würzigen Geruch durchs ganze Zimmer. Rabbiner Dr. Stein hat soeben den letzten Zug aus der Tasse gethan und mit großem Behagen zündete er eine Cigarre an und lehnte sich in seinem Sessel zurück. Er mochte ungefähr sein achtnndzwanzigstes Lebensjahr überschritten haben und doch zeigten seine edlen, durchgeistigten Züge jenen impomrenden Ernst, den man vergeblich in diesem jugendlichen Alter sucht. Das von einem lichtbrannen Bart umrahmte Gesicht war blaß, ja fast bleich rmd das Ganze in Form und Umriß des Kopses war geistvoll und zeugte von einer Gefühlstiefe, die, an wem man sie auch erblicken möge, ein gewisses Schwanken zwischen Neugier und Theilnahme er-

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